Windsbachs offene Türen

WINDSBACH. Mit dem Gottesdienst in der Windsbacher Stadtkirche begann auch in diesem Jahr traditionell das Internatsfest, an den sich im „Kasten“ trotz kalter Witterung ein warmherziger Empfang der Freunde von Chor und Studienheim anschloss.
 
„Gratias agimus tibi“ – Wir sagen Dir Dank – tönte es zu Beginn von der Empore. Mit Werken von Antonio Vivaldi, Max Reger, Franz Schubert, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Emanuel Vogt erlebten die Gäste des Sakramentsgottesdienst zu Christi Himmelfahrt fast ein kleines Konzert des Knabenchores.
 
In seiner Predigt ging Pfarrer Thomas Miederer als Internatsleiter offensiv mit der Diskussion um Gewalt und Misshandlung in kirchlichen Einrichtungen und leider auch im Windsbacher Knabenchor der 50er bis 70er Jahre um. Ein Urteil wolle er sich nicht anmaßen, unterstrich der Geistliche, der sich auch dazu bekannte, sich schon allein im Umgang mit diesem Themenkomplex schwer zu tun.
 
Wie Tags zuvor in der Fränkischen Landeszeitung zu lesen war, betonte Miederer in seiner Ansprache, dass Knabenchor und Studienheim sehr daran gelegen sei, die schwierige Vergangenheit aufzuklären und damit auch aufzuarbeiten. Nötig seien Aussprache und, wenn irgend möglich, Aussöhnung. Heute gelte die Präambel der Internatsordnung, nach der die Erziehung vor Ort nach christlichen Werten erfolge und somit die Würde des Einzelnen als unantastbares Gut gesehen werde.
 
Wie es aktuell im Internat aussieht, davon konnten sich die Gäste, Eltern, Freunde und Verwandte der Schüler dann im Anschluss an den Gottesdienst ein umfangreiches Bild machen: Wortwörtlich durfte man hier „offene Türen“ einrennen. Zum Beispiel im Chorzentrum: Ein kleiner Dialog am Ende der Musizierstunde im Hans-Thamm-Saal sagt viel aus: „Schön“, kommentierte eine Mutter das Spiel der Sänger, die hier ihr instrumentales Können trefflich unter Beweis stellten. Und Chorleiter Beringer erwiderte hierauf nicht ohne Stolz: „Ist schon unglaublich, oder?“
 
Später trat dann Karl-Friedrich Beringer selbst vor den Chor – aus Eltern, Verwandten und Freunden der Knaben- und Männerstimmen. Leichte Volksliedsätze hatte der Dirigent herausgesucht, um zu zeigen, was auch die Kleinsten schon „drauf“ haben müssen: Stand im Text das Wörtchen „alles“ und sangen die Eltern eher ein gedehntes „aahles“, meinte Beringer eben nur: „Ich weiß nicht, was ‚aahles‘ sind…“ Mit Humor und pädagogischem Eifer gab der Dirigent dem Elternchor Tipps in puncto Intonation, Absprache, Melodieführung und richtiges Atmen: „Stellen Sie sich einfach mal das luftige Gras vor, das Sie da besingen“, ermunterte Beringer beim Anstimmen des Satzes „Hab‘ oft im Kreise der Lieben“ und erklärte auch, warum: „Sie können einen Liederabend von einem sehr guten Sänger hören, aber wenn der das Lied nicht empfindet, schlafen Sie ein.“ Die Eltern waren hingegen hellwach und präsentierten ihr erlerntes Wissen zu Beginn der Serenade.
 
Auf dem Gelände und in allen Häusern wurde viel geboten: Spicker-Werfen und Tombola buhlten hier genauso intensiv um das Interesse der Gäste wie die musikalischen Offerten oder der philosophische Vortrag „Der Schild des Achill“ von Dr. Werner Schmitt, Erzieher a.D. Im Foyer des Haupthauses präsentierte sich der Elternbeirat, heiße und erfrischende Stärkung gab es nicht nur im Speisesaal, sondern auch im Kastencafé. Und die war auch nötig, konnte man sich doch in zahlreichen Geschicklichkeitsspielen und auch sportlich betätigen: virtuell via Wii, Kicker, Billard oder Minigolf, auf der Hüpfburg oder beim Bowling und vor allem im äußerst reellen Fußballspiel der „Allstars“ gegen die „Altstars“, die mit einem Ergebnis von 5:0 am Schluss tatsächlich etwas alt aussahen – da half auch der Schal mit dem Motto des diesjährigen Kirchentags nicht, den sich der ehemalige Windsbacher David Lugert umgebunden hatte: „Damit Ihr Hoffnung habt“…
 
Zum Schluss konnte man noch einmal den Chor in einem „konzertähnlichen Zustand“ erleben: Das „Gloria“ von Antonio Vivaldi stand auf dem Programm im bis auf den letzten (Steh-) Platz gefüllten Hans-Thamm-Saal: Begleitet von Paul Sturm am Konzertflügel musizierten Karl-Friedrich Beringer und seine Knaben die Chorsätze des ergreifenden Vokalwerkes. Und erneut erklang es aus vollem Herzen: „Gratias agimus tibi“ – Wir sagen Dank: für ein gelungenes Internatsfest, für ein sichtbar gut geführtes Haus, für einen engagierten Chorleiter und für die Möglichkeit, hier Musik und die Freude an der eigenen Leistung erlernen und erleben zu dürfen.
 
Dass dieser Dank keine flüchtige Empfindung ist, zeigte sich am Ende des Internatsfestes: Rund 120 ehemalige Männerstimmen waren nach Windsbach gereist, um gemeinsam mit den aktiven Windsbacher Tenören und Bässen in drei Probetagen ein Programm aus Psalmen von Emanuel Vogt und Helmut Duffe sowie Volkslieder einzustudieren, um es am darauffolgenden Samstag, in der Ansbacher St. Gumbertus-Kirche zu Gehör zu bringen. Wie vor sieben Jahren war der Erlös des Konzerts für den Windsbacher Knabenchor bestimmt.
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