Weiterhin in Windsbach wirken
Als Alternative zur Bundeswehr oder zum Zivildienst dient es jungen Männern und Frauen nach Erfüllung der Schulpflicht und vor Erreichen des 27. Lebensjahres, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Dies geschieht meist im sozialen Bereich. Und dauert eben ein Jahr.
Auch wenn Jörg mit Haut und Haaren Sänger ist und „Windsbacher“ war, ist er nicht wegen des Chores geblieben, sondern um sich pädagogisch einzubringen. Schon in seiner aktiven Zeit war er nicht nur Chorist, sondern unterstützte Chorleiter Karl-Friedrich Beringer und den Stimmbildner Edwin Sowisch in der Probenarbeit.
Zwar hatte ihm der Chorleiter angeboten, auch während des FSJ weiter mitzusingen und Jörg gibt gerne zu, dass es ihn natürlich noch immer reizt. Doch weiß er auch, dass irgendwann Schluss ist: „Als ich bei der Verabschiedung der Abiturienten meine Mappe bekommen habe, wusste ich: Es ist Sense.“
Zeit, um selber noch mitzuproben und die Konzerte mitzusingen, wäre aber ohnehin Mangelware, denn der Tag beginnt nicht nur für einen Windsbacher, sondern auch für Jörg um 6 Uhr – und eigentlich sogar noch früher, denn wenn er die Knaben um weckt, muss er natürlich schon fit und „ausgehfertig“ sein. 6.30 Uhr Frühstudierzeit, 7.15 Uhr Andacht, danach Frühstück. Erst wenn der Schulgong ertönt, hat Jörg frei – bis mittags. Nur montags nicht: Da hat Jörg um 12 Uhr einen interessanten Termin, nämlich die Erzieherkonferenz.
Der „Frontenwechsel“ begann für Jörg übrigens höchst angenehm: mit einem Betriebsausflug! Plötzlich war er nicht mehr Schüler, sondern „Kollege“ – auch der Küchenfeen oder der Damen des Reinigungspersonals. Sein Arbeitsplatz ist in der Gruppe von Rainer Ohms, der die sechste Klasse betreut: „Ich bin sehr dankbar dafür, gerade hier eingesetzt zu werden“, sagt Jörg, verbindet ihn mit dem Pädagogen doch eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Außerdem war er selbst zwei Jahre Ohms‘ Zögling, woran er sich gerne erinnert!
Das tun sie auch. Und wenn das nicht so richtig klappt, kümmert sich Jörg auch schon mal einzeln um den entsprechenden Kandidaten. Schließlich ist ihm keiner seiner Schüler egal: „Man leidet bei einer schlechten Note richtig mit“, weiß er und gemeinsam wird alles versucht, um eine 5 im Zeugnis zu vermeiden.
Doch Jörg ist nicht nur für schulische Fragen da; wichtig ist ihm, dass seine Jungs lernen, sich den Tag einzutakten. Pünktlichkeit ist hierbei sehr wichtig: Wer ohne Grund zu spät kommt, darf nachsitzen. Der Umfang des Brummens wird dabei gleich mit einer kleinen Mathematikübung verknüpft: Länge es Nachsitzens = Verspätung in Minuten x 5. „Und da wird auch nicht diskutiert“, unterstreicht Jörg. Unterm Strich soll erreicht werden, dass auch die Kleinen schon eine gewisse Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein entwickeln.
Zwischen 17 und 18.30 Uhr hat Jörg wieder Pause. Eigentlich. Doch meist geht er seiner Aufgabe als „Chorleiter“ nach. Auf der einen Seite würde er natürlich „wahnsinnig gern“ selbst mitsingen, auf der anderen Seite genießt er es aber auch, vorne zu stehen, das „Business“ wortwörtlich von einer anderen Seite her kennen zu lernen. Jörg probt regelmäßig mit kleineren Gruppen, leitet aber zuweilen auch schon mal den Probenchor.
Dabei geht er ins Detail, genau so, wie er es „vom großen Meister“ gelernt hat, sagt Jörg mit einem respektvollen Grinsen: Gerne gibt er zu, Beringers Denk- und Arbeitsweise zu übernehmen. Nach Erfahrungen in anderen Chören weiß er: „Man verletzt die Musik, wenn man die Fehler übergeht.“ In Windsbach arbeitet er dem „Chef“ zu, bereitet die Choristen auf die gemeinsame Arbeit vor, freut sich, wenn er mit alter und neuer Literatur in Berührung kommt und nutzt das Proben für sich als Stimmbildung.
Außerhalb Windsbachs leitet Jörg Scholkowski einen Kirchenchor in Bruckberg und möchte dort die musikalischen Erfahrungen, die er in Windsbach machen durfte, weitergeben. Als guter Klavierspieler und Blattsänger, der „nebenher“ auch noch weiterhin Oboe bei Edwin Sowisch und Orgel bei Jutta Pauer lernt, möchte sich Jörg beruflich in Richtung Kantor bewegen: „Auf jeden Fall etwas mit Musik!“ Vielleicht an der Hochschule in Regensburg mit Schwerpunkt Chorleitung?
Das Nachdenken über die Zukunft muss Jörg allerdings auf die Zeit nach dem Lichtschluss verschieben, denn zwischen Abendessen und Bettgang hat er ebenfalls gut zu tun. Konnte er sich mittags noch mit seinen Instrumenten beschäftigen oder sich in der Medienbibliothek, die er als aktiver Chorist sozusagen „hauptberuflich“ betreut hat, umhören, ist Jörg jetzt wieder als pädagogische Kraft gefragt.
Mal ist es ein Trommelworkshop, mal das gemeinsame Filmprojekt, das sich um eine Internatsgeschichte dreht. Und da in einer Gruppe nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, kümmert sich Jörg bei Differenzen auch um deren Beilegung. Bis 23.30 Uhr hat er „Bereitschaft“, während der sich um Bauchschmerzen oder Heimweh gekümmert wird.
Und irgendwann ist auch der Tag für Jörg Scholkowski zu Ende. Doch wenn man diesen „FSJler“ im Gespräch und während seiner Arbeit erlebt, scheint er sie kaum als solche zu verstehen. Eher als Aufgabe, als freiwillig gestellte, die ein Jahr lang dauert.
Nur um eines „drückt“ sich Jörg bewusst: Er hat zwei Brüder im Internat. Jan (14) besucht die achte und Sven (16) die elfte Klasse. Der älteste lacht: „Die will ich nicht erziehen müssen.“ Mit seiner sechsten hat Jörg ja auch genug zu tun...
Hintergrund