Von Psalmen und einem Dachschaden

NÜRNBERG. Über 400 „Motetten“ hat der Windsbacher Knabenchor seit seiner Gründung gesungen, wobei es sich hier nicht um den Gattungsbegriff bestimmter Vokalmusik handelt, sondern um eine Einrichtung in der Nürnberger St. Lorenzkirche. Wir sprachen mit dem amtierenden Dekan für Nürnberg Mitte und erstem Pfarrer an St. Lorenz, Dr. Jürgen Körnlein, über seine Beziehung und die Erlebnisse in der Lorenzer Motette und mit den Windsbachern.
 
Frage: Anfang März sang der Chor seine 439. Motette in St. Lorenz. Was bedeuten diese Auftritte für St. Lorenz?
 
Körnlein: Die Motetten der Windsbacher sind immer wieder ein Highlight. Nicht nur  das Lorenzer Publikum ist qualitätsverwöhnt, auch die die Besucherinnen und Besucher strömen jedes Mal. Für mich persönlich gehört die Begleitung der Windsbacher Motette zu meinen schönsten Diensten. Ich versuche immer, diesen Termin freizuschaufeln.
 
Frage: Wissen Sie etwas über die Besucher? Wo sie herkommen und was sie motiviert, gerade an diesen Tagen St. Lorenz aufzusuchen?
 
Körnlein: Die Besucher reisen aus einer Umgebung von bis zu 100 Kilometern an. Sicher gibt es auch eine Reihe von „zufälligen“ Besuchern, aber die allermeisten wollen „ihren“ Knabenchor erleben. Denn seit den Anfangstagen des Windsbacher Knabenchores gehören die Auftritte in der Lorenzkirche dazu.
 
Frage: Konnten Sie über die Motette mit den Windsbachern auch wiederum Kontakte zu den Besuchern knüpfen?
 
Körnlein: Raum und Chor bedingen sich gegenseitig. Viele Menschen gewinnen über das, was sie in einem Raum erleben, auch eine tiefe Verbundenheit zu diesem Raum. So wächst die Lorenzkirche vielen durch die Motette ans Herz.
 
Frage: Wie richten Sie die Thematik Ihrer Ansprache an der Werkauswahl aus?
 
Körnlein: Herr Beringer hat immer ein heimliches Thema in seiner Auswahl, das er mir nicht verrät. Ich studiere daher die Werkauswahl und lasse mich von ihrer Abfolge und ihren Inhalten inspirieren. Bei der Auswahl meiner Worte bin ich sehr streng mit mir: Die Einleitung in die Lesung aus der Bibel darf nicht predigen; ähnlich den gedichteten Gesangstexten möchte ich mit wenigen Worten unsere Gegenwart und die biblische Lesung verknüpfen – und diese klingen lassen. Und ebenso richte ich mich mit dem Gebet nach der Ästhetik der Gesangstexte: kurz, prägnant, schöne Sprache, verdichtete Lebens- und Gotteserfahrung.
 
Frage: Was schätzen Sie persönlich an der Einrichtung der Lorenzer Motette?
 
Körnlein: Ich bekomme hier „ins eigene Haus“ Weltklasse geliefert. Die Geste, dass der Eintritt frei ist, dass der Chor damit an die Landeskirche „Dankeschön“ sagt, ist natürlich großartig. Unprätentiös und absolut professionell läuft alles ab; man kennt sich und schätzt sich. Jedes Mal ist es eine Freude, Herrn Beringer und Frau Sauerbier zu treffen; sie gehören irgendwie zur Lorenzer Familie und die Jungs schließt man immer mehr ins Herz. Ich habe ihnen schon angeboten, mal nach Windsbach zu kommen, um mit ihnen Fußball zuspielen: Ich stehe auf Abruf…
 
Frage: Welche Stücke aus dem Repertoire der Windsbacher mögen Sie am liebsten?
 
Körnlein: Oh, da gibt es viel zu viel Fantastisches, um eines hervorzuheben. Nachdem ich als gebürtiger Bayreuther mit Richard Wagner aufgewachsen bin, mag ich es natürlich, wenn die Musik „spannend“ oder dramatisch wird, was den Windsbacher in genialer Weise gelingt.
 
Frage: Gibt es eine besonders schöne Erinnerung, die Sie mit der Motette verknüpfen?
 
Körnlein: Ja, natürlich! Das war allerdings gar nicht musikalischer Art. Es war im Herbst 2007: Gerade war durch die Presse gegangen, dass es zum Dach der Lorenzkirche hineinregnet und eine millionenschwere Renovierung ansteht – und uns natürlich das Geld dafür fehlt. Ich wusste, dass auch den Windsbachern das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Da trat Herr Beringer am Ende der Motette ans Mikrofon und erklärte, dass alle Spenden dieser Motette für die Sanierung des Hallenchores verwendet werden sollen und rief flammend zur Erhaltung unserer und „ihrer“ Kirche auf. Ergebnis: Fast 6.000,- Euro! Das sind mehr als an einem Heiligen Abend eingelegt werden…