Der Pianist mit der sanften Pranke
Solche Szenen mit Chor und Pianist sind in Windsbach immer dann zu beobachten, wenn große Chor- Orchesterprojekte wie jüngst etwa das Brahms-Requiem oder Bach-Kantaten anstehen. Meist einen bis einige Tage vor Beginn der gemeinsamen Proben von Chor und Orchester kommt Paul Sturm in den Hans-Thamm-Saal nach Windsbach und imitiert den Orchesterpart, so dass Dirigent Karl-Friedrich Beringer sich ganz auf seine Sänger konzentrieren kann.
Wie kommt nun Profi-Pianist Paul Sturm zu diesem Engagement für die Windsbacher? Paul Sturm, den man heute sowohl solistisch als auch in verschiedenstenen Formationen erleben und hören kann, erhielt den ersten Klavierunterricht mit sieben Jahren durch Erich Wilhelm Beil in Ansbach und studierte nach dem Abitur Klavier bei Prof. Erich Appel am Meistersinger- Konservatorium Nürnberg.
1983 legte er die künstlerische Reifeprüfung ab und gewann im gleichen Jahr den ersten Preis des Dr. Drexel- Wettbewerbs in Nürnberg. Ein Jahr später wurde er Förderpreisträger der Stadt Fürth. Es folgten zahlreiche Soloauftritte mit umfangreichen Repertoire von Barock bis Avantgarde im In- und Ausland. Schwerpunkte seines Repertoires sind die Klassiker und Romantiker, hier besonders Schubert, Chopin und Liszt. Sehr geschätzt und beliebt sind seine Moderationen zu seinen Programmen. Aktuell läuft in Weißenburg eine Gesprächskonzertreihe mit allen 32 Klaviersonaten von Beethoven.
Darüberhinaus gilt er als gefragter Kammermusikpartner und Liedbegleiter. So arbeitete er mit namhaften Solisten wie Siegfried Jerusalem, Thomas Quasthoff und Emma Kirkby zusammen. Er ist langjähriges Mitglied des Fränkischen Kammerorchesters und vielfach beim Festival „Fränkischer Sommer“ mit historischen Tasteninstrumenten aufgetreten. Seit mehr als zehn Jahren ist er mit zahlreichen Uraufführungen und Rundfunkproduktionen zeitgenössischer Musik auch im Ars Nova Ensemble Nürnberg tätig. Bei über 70 Produktionen des Theaters „Die Bühne“ wirkte er als Pianist, Arrangeur und musikalischer Leiter. Dazu kommen Hunderte von Auftritten in musikalischen Kabarett- und Revue-Programmen mit Gerd Fischer vom Tassilo-Theater Nürnberg und Mühlentheater Möhrendorf ), Nancy Hermiston, Christian Peter Rothemund und anderen.
Seine Diskographie umfaßt neben zwei Solo-CDs mit Werken von Chopin („Soirée polonaise“) und spanischen Komponisten („Iberia“) zahlreiche weitere Einspielungen, unter anderem mit den Nürnberger Symphonikern, dem Windsbacher Knabenchor und als Liedbegleiter sowie Kammmermusiker. Seit 1992 ist Paul Sturm außerdem Dozent an der Hochschule für Musik Nürnberg, dem früheren Meistersinger-Konservatorium Nürnberg.
Besondere Höhepunkte in Paul Sturms Karriere aber waren und sind Konzerte und Tourneen mit dem Windsbacher Knabenchor als Klavier- und Continuobegleiter: Brasilien mit dem Weihnachtsoratorium, zwei mal Israel mit der Matthäus-Passion und der h-Moll-Messe von Bach, Spanien wiederum mit der Matthäus-Passion, dazu viele Konzerte in Deutschland und dem benachbarten europäischen Ausland, auch bei bedeutenden Festivals wie der Bachwoche Ansbach, der Internationalen Orgelwoche Nürnberg, den Europäischen Festwochen Passau, den Ludwigsburger Schlossfestspiele. Genauso wichtig sind Paul Sturm aber auch die zahlreichen „kleineren“ Auftritte mit den Windsbachern etwa bei Schulkonzerten, Chorfesten und Patronatskonzerten.
Sein Engagement für den Windsbacher Knabenchor gründet in einer engen Freundschaft mit Chorleiter Beringer, die weit zurück reicht. Und zwar bis in eine Zeit, als Paul Sturm eigentlich ein ganz anderes Ziel als das des Berufsmusikers im Auge hatte: 1974 machte Paul Sturm sein Abitur in Ansbach und begann in Neuendettelsau ein Theologiestudium. Als Geiger spielte er im Ansbacher Kammerorchester, wo er eben jenen Dirigenten namens Beringer begegnete. Der wohnte damals in Neuendettels und hatte mittlerweile das Amadeus-Orchester ins Leben gerufen, um den gleichnamigen, ebenfalls von ihm gegründeten Amadeus-Chor zu begleiten. Hier treffen sich übrigens zahllose Lebensläufe von Menschen, die noch heute in oder für Windsbach arbeiten – wie Paul Sturm eben.
Der spielte damals begeistert im Amadeus-Orchester mit: „Es gab zwar kein Geld, aber wir machten großartige Musik“, erinnert er sich noch heute gerne daran. Und als er privat „einfach so“ Beringer am Klavier mit Schumann-, Brahms- und Schubert-Liedern begleitet, gab der ihm den nachdrücklichen Rat: „Du musst unbedingt Klavier studieren!“ Und so kam es, dass Paul Sturm, inzwischen Medizinstudent in Erlangen, gleichzeitig erfolgreich Klavier bei Prof. Erich Appel am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg studierte. Der Impetus hierfür war übrigens ein ganz prosaischer: „Ich wollte einfach besser spielen können“, erklärt Sturm seine Doppelgleisigkeit, die ihm schließlich den Weg in das Künstlerdasein öffnen sollte.
1982 schloss er sein Medizinstudium ab und im darauffolgenden Sommer legte er die Künstlerische Reifeprüfung im Fach Klavier mit der Note „Sehr gut“. 1990 erlangte er nach erfolgreicher Prüfung die Anerkennung als Facharzt für Pathologie, eine Stelle als Oberarzt im Nürnberger Klinikum war ihm sicher. „In dieser Zeit wurden die Konzerte aber immer mehr“, erinnert sich Sturm und betont: „Eigentlich ungewollt…“ . Und so fragte er sich: „Will ich das eigentlich mein Leben lang machen, tagsüber in der Klinik arbeiten, nachts am Klavier üben?“ Immerhin standen mittlerweile rund 50 Auftritte im Terminkalender des Pathologen. Da war für ihn der Zeitpunkt gekommen, eine Entscheidung zwischen den beiden Leidenschaften – Medizin und Musik – zu treffen: Den Sprung ins reine Künstlerdasein zu wagen, nur noch für und von Musik zu leben, hat Paul Sturm bis heute nicht bereut: „Keine Sekunde lang!“
Vor allem nicht, wenn er zu Klavierproben nach Windsbach kommt. Denn da hat er dann, wie er gerne zugibt, den schon perfekt einstudierten Chor „ganz für sich alleine“ und genießt das gemeinsame Musizieren: „Der Klang des Chores, seine Perfektion in Intonation und Textverständlichkeit, da sind Beringer und die Windsbacher nach wie vor unübertroffen.“ Vor allem die Interpretation der großen barocken Oratorien und das Feeling für Romantik faszinieren Sturm gleichermaßen.
Wenn man sich mit Paul Sturm heute unterhält, erlebt man einen renommierten Pianisten, der von der Musik und seiner vielseitigen Karriere gänzlich ohne Starallüren erzählt: Am Klavier schätzt er vor allem die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten und die nahezu unendliche Menge an guter Literatur: „Um nur die wichtigsten Werke der Klaviermusik zu studieren, bräuchte man schon 20 Leben!.“
Paul Sturm – studierter Theologe, Arzt außer Dienst, Musiker. Lauscht man seinem Spiel und sei es nur als Chorsänger, wenn er das Ensemble beispielsweise beim Brahms-Requiem begleitet, merkt man, dass diese Klänge von allen Berufen das Beste vereinen: Musik begeistert, erwärmt Herz und Seele, heilt und tröstet.
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