Nach dem Konzert ist vor dem Spiel (Spanien 5)

BARCELONA (15. April 2011). Nach dem Spiel ist bekanntlich vor dem Spiel. Und nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Auf der Spanientournee des Windsbacher Knabenchores hieß das auch, dass nach dem Konzert vor dem Spiel ist: Am letzten Tag der Reise stand ein Besuch beim 1. FC Barcelona und hier genauer ein Treffen mit Schülern der Masia, einem Internat, das der weltberühmte Club als Kaderschmiede für die Fußballelite unterhält, auf dem Programm.
 
Anfangs saßen sich die Teams noch gegenüber: auf der einen Seite die Windsbacher, auf der anderen eine Auswahl junger Kicker, die in der ganzen Welt von Talentscouts ausgemacht und nach Barcelona eingeladen werden. Der Direktor der Masia, Carlos Folguera, begrüßte die musikalischen Gäste und zog denn auch direkte Parallelen zwischen Sängern und Kickern: „Hier ist das Talent wichtig – aber vor allem auch Disziplin, Arbeit und Ausdauer“, was Chorleiter Karl-Friedrich Beringer mit den Worten „Genau wie bei uns“ kommentierte.
 
In Barcelona wie in Windsbach werde hart gearbeitet, um das Erlernte einem möglichst breiten Publikum zu präsentieren, fuhr Folguera fort und erklärte das Ziel der Masia, benannt nach dem alten, katalanischen Bauernhaus, in dem die Schule untergebracht ist: „Wir wollen Profis ausbilden, die dann im besten Fall für den FC Barcelona spielen. Dazu gehört jedoch nicht nur die sportliche Erziehung, sondern auch die Bildung der eigenen Persönlichkeit der jeweiligen Spieler.“
 
60 Jungen besuchen derzeit das Fußballinternat, dass auch schon zahlreiche international erfolgreiche Ballkünstler hervorgebracht hat: Das Treffen fand im „Salon Roma“ statt, benannt nach dem Erfolg des FC Barcelona 2009 in der Champions League gegen die italienischen Gegner: „Der damalige Trainer, sein ganzes Team und acht Spieler der Stamm-Elf waren ebenfalls Schüler der Masia“, beschrieb Folguera die große Identifikationskraft seiner Einrichtung.
 
Bevor die Gastgeber auf dem Platz zeigten, was sie im Schulalltag lernen, gab der Windsbacher Knabenchor eine Kostprobe seines Könnens und sang das „Vater unser“ von Gustav Gunsenheimer – ein Schelm übrigens, wer bei der Titelwahl bereits an die in Kürze bevorstehenden Begegnungen beider Teams auf dem Rasen dachte. Das gleiche galt für das später intonierte „Nun leb wohl, Du kleine Gasse“ – ein Männersatz, der von heutigen Fans eher in der Version des „Du-kannst-nach-Hause-geh’n“ lauthals angestimmt wird.
 
Wurde im Bus noch nach der richtigen Taktik für einen Sieg gerungen („Wir verkleiden einen von uns als FC Barcelona-Fan, lassen ihn eine Bierdose nach dem Schiedsrichter werfen und freuen uns dann, wenn bei einem Stand von 0:3 für uns abgebrochen wird…“) und die Patronatsbeauftragte Beatrice Kappler gebeten, für eine finanzielle Zuwendung in Richtung Schiedsrichter das Konto zu räumen, wurde es nun Ernst: Zwei Spiele mit jeweils zwei Halbzeiten à 15 Minuten standen an – ein Mal mit den Knabenstimmen gegen gleichaltrige Masia-Schüler und ein Mal mit den Männerstimmen gegen eine entsprechende Kicker-Auswahl aus Barcelona.
 
Um es vorweg zu sagen, verehrte Leser draußen an den Bildschirmen: Die Windsbacher Ball-Artisten haben sich wacker geschlagen! In eigens angefertigten und vom Patronat des Knabenchores finanzierten Sets aus Trikot, Hose und Stulpen spielten die Sänger in beiden Partien fair, wobei das Spiel der Knaben 1:1 (mit einem Treffer von Andreas Hartmann in der zehnten Minute) und das der Männer 1:0 für die Gastgeber der Masia ausging. Bemerkenswert war in beiden Teams vor allem das reaktionsschnelle Spiel der Windsbacher Keeper Phillip Cuno-Frieß und Yannick Henrici, wobei die Stürmer der Sänger über weite Strecken Probleme hatten, überhaupt in Ballbesitz zu kommen. Hierzu ein Kommentar von Internatsdirektor Thomas Miederer: „Die ließen unsere Jungs laufen wie die Hasen!“
 
Das Spiel analysierte Windsbachs Manager Delf Lammers, selbst Mitglied des Supporter-Clubs des Hamburger Sport-Vereins, wie folgt: „Mit den Ergebnissen der Spiele sind wir sehr zufrieden. Das 1:1 der Knabenstimmen in Barcelona ist aller Ehren wert, zumal man bedenken muss, dass wir das Spiel noch am grünen Tisch gewinnen werden, da wir mit der körperlich erdrückenden Überlegenheit unserer Knabenstimmen gegen Barcelona in der Überzahl spielen mussten.“ Tatsächlich monierte Lammers in der zweiten Halbzeit, dass die Spanier mit einem Mann mehr auf dem Platz waren, weswegen das 2:1 der Gastgeber vom Unparteiischen nachträglich aberkannt wurde.
 
Lammers weiter: „Das 0:1 von Andi Hartmann war klasse herausgespielt beim Pressing im Fünf-Meter-Raum. Irgendwann war es nur noch eine Frage der Zeit, wann das Tor fällt. Eher glücklich war dann der Ausgleich in der 13. Minute durch einen Fernschuss der Spanier. Aber wir können damit leben und denken, dass wir auf einem guten Weg sind.“ Zum Spiel der Männerstimmen meinte Lammers: „Das 1:0 ist natürlich schade. Da war mehr drin, aber wir denken, dass wir im Rückspiel im vollbesetzten Atrium in Windsbach diese Niederlage in ein 3:1 umwandeln können. Wir werden hart arbeiten und bis dahin ein Geheimtraining ansetzen.“ Dem Treiben auf dem Rasen widmete auch Chorleiter Beringer einen lakonischen Kommentar: „Hier nützt Euch Eure Musikalität leider gar nichts…“
 
Allerdings stand der olympische Gedanke bei den Windsbachern an diesem Tag im Vordergrund, denn wer hat schon mal die Gelegenheit, im Trainingslager eines der besten Fußball-Clubs der Welt gegen eventuell zuküntige Kickergrößen zu spielen (und nur so niedrig zu verlieren…)? Begeistert vom sportlichen Erlebnis zogen sich die Hobby-Fußballer in die Umkleidekabinen zurück, um sich im Anschluss am reichhaltigen Buffet im Garten der Masia zu stärken. Hier bekam Chorleiter Beringer ein Trikot der Schule geschenkt, das seinen Platz in der Windsbacher Klause finden wird. Und da es für die Masia laut Direktor Carlos Folguera eine Ehre war, die Windsbacher als Gäste begrüßen zu dürfen, schaute auch der Präsident des FC Barcelona, Sandro Rosell i Feliu, vorbei und freute sich sichtlich, als die Männerstimmen die kurz vorher einstudierte Hymne seines Clubs, den „Cant del Barça“, intonierten.
 
Auch wenn die sprachlichen Barrieren einen Austausch beider „Mannschaften“ leider nur sehr begrenzt zuließen, genoss man das gemeinsame Barbecue doch in vollen Zügen und freute sich auf den weiteren Programmpunkt: den Besuch des FC Barcelona-Megastores und eine Führung durch das Museum des Clubs inklusive Rundgang durchs Stadion. Hier eröffnete sich freilich eine ganz eigene Welt: faszinierend für den Fußball-Fan und wunderlich bis befremdlich für denjenigen, der mit dem runden Leder eher wenig anzufangen weiß.
 
Sichtlich stolz erklärte der Guide die Bedeutung des Clubs, präsentierte blinkende Pokale und führte durch die Räumlichkeiten für Interviews und Pressekonferenzen, erklärte, dass für die Gäste nur ein Wirlpool, für die eigene Mannschaft aber drei zur Verfügung stünden und dass den Gegnern im Falle einer Niederlage der eigenen Mannschaft das warme Wasser abgedreht würde. Beeindruckend war das Stadion mit seinen rund 100.000 Plätzen, von denen die teuersten 250,- Euro pro Spiel kosten.
 
Ein Blick hinüber ins kleinere Stadion der Nachwuchskicker ließ einen schon ein bisschen neidisch ob der immer noch sehr viel größeren Zuschauerzahl eines Fußballspiels gegenüber den Besuchern eines Konzerts der Windsbacher werden. Aber, soviel steht fest: Nicht nur das Brahms-Requiem können die musikalischen Botschafter aus Franken sicherlich besser singen. Und mit dieser kühnen Behauptung zurück ins Studio: Die Redaktion verabschiedet sich aus Spanien und wünscht dem Chor eine gute Heimreise sowie verdient erholsame Osterferien!