Semper idem? Jein.
Andere Krawattenfarbe, gut. Aber Fliegen hatten die Knabenstimmen auch damals schon. Hat sich sonst noch was geändert? Ein Blick ins Programm erinnert ebenfalls an früher: „Also hat Gott die Welt geliebt“ oder „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“ von Schütz – und Gallus! Meine Güte, wie oft haben wir das „Pater noster“, die „Zwei der Seraphinen“ oder „Preis, Dank, Lob, Ehr und Herrlichkeit“ gesungen? Dank der Statistik, die Karl-Friedrich Beringer seinen Choristen am Ende ihrer Windsbacher Zeit aushändigt, ist das keine rein rhetorische Frage: „Pater noster“ 45 Mal, die „Seraphinen“ 45 Mal und „Preis, Dank, Lob, Ehr und Herrlichkeit“ (nur) 40 Mal – hab’ ich schwarz auf weiß.
Neben mir sitzt ebenfalls ein ehemaliger Windsbacher, der, als er den Namen Gallus liest, das Gesicht verzieht. Während der Stücke beobachte ich ihn: Begeistert hört er den Dialogen der beiden vierstimmigen Chöre zu. Mir geht es genauso: Dass diese Stücke derart lebendig und farbig klingen können, wo die Windsbacher sie doch so oft singen – das ist ganz große Kunst. Wenn wir das damals schon gewusst hätten!
Bei Schütz mag man die Hemiolen mitklatschen, und wenn sich die Jungs für die Doppelchörigkeit aufstellen, ist immer einer dabei, der nicht weiß, wo er hingehört. Wie oft war ich dieser eine? Mucksmäuschenstill setzt sich der Chor während der Orgelstücke hin und lauscht den Werken eines Nicolaus Bruhns oder Maurice Duruflés: Schon toll, was man auch als Sänger während der Konzerte geboten bekommt, denke ich rückblickend und erinnere mich an die vielen Präludien von Bach. Oder damals im Hamburger „Michel“, als die große Orgel auf der Empore gegenüber die mächtige „B-A-C-H“-Fuge von Franz Liszt anstimmte…
In Bensheim spielt Gregor Knop, unter anderem das Präludium d-moll von Mendelssohn. Mendelssohn!!! Erneut umspülen einen die Gedanken „an früher“: Den 100. Psalm „Jauchzet dem Herrn, alle Welt“ hat man fast ebenso viele Male gesungen – laut Statistik sind es doch nur 42 Mal gewesen. Heute steht er nicht auf dem Programm – fast ein bisschen schade. Auch die „Engel“ erklingen nicht, diese von jedem Laienchor auf jeder Hochzeit geträllerte Motette. Aber von den Windsbachern interpretiert – es war das letzte Stück, das ich damals sang; in Ansbach, nach unserem letzten Konzert als Abiturienten: eine wunderbare Erinnerung.
Heute hören wir dafür „Die Heiden“ (elf Mal), „Die Zuflucht“ (17 Mal) und das schon damals selten gesungene „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (drei Mal) mit tollen Solisten aus Sopran, Bass und vor allem Tenor. Wie der Chor in der „Zuflucht“ den Klang aus dem Nichts entstehen lässt: „Ehe denn die Berge worden, und die Erde und die Welt erschaffen worden, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit“ heißt es da. Wahnsinn! Oder in Psalm 2: „Du sollst sie mit eisernem Zepter zerschlagen!“ Fast hört man hier zerschlagenes Glas und die „zerbrechenden Töpfe“. Der Chef hat ja schon immer viel Wert auf Textverständlichkeit gelegt – spätestens heute, als Zuhörer, wird einem klar, warum: „Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend“, singt der Chor bei Schütz. Passt irgendwie auch auf die Proben in Windsbach, denke ich angesichts der langjährigen Chorerfahrung danach.
Egal, wie lange es jetzt schon her ist, dass man Windsbach verlassen hat: Manches scheint unverwüstlich, ewig gültig: Auch wenn ich Beringer nur von hinten dirigieren sehe, erinnere ich mich noch lebhaft an seine Mimik, die leuchtenden Augen – oder auch den frustrierten Ausdruck, wenn wir nicht so konnten wie er wollte. Hier in Bensheim aber bleibt das minimalistische, auf das Schlagen der vier oder drei Viertel reduzierte Dirigat zum Glück aus: Auch dem Chef scheint zu gefallen, was seine Jungs da vorne leisten – na, da sind wir ja mal einer Meinung.
Neben mir klingelt ein Handy – zum Glück äußerst leise: Gab es damals auch noch nicht, diese Dinger – noch nicht mal der Chef hatte eins, und der ist ja immer noch einer der ersten, der sich auf die Stiefelspitze des technischen Fortschritts schwingt. Unter mir, wie in so vielen Kirchen, wo der Chor singt, befindet sich ein Lüftungsschacht. Zum Glück ist Frühling und die Heizung nicht an, denn was käme da heraus: Na? „Das pure Gift!“, hat Beringer immer gewarnt. Ob er das heute auch noch tut? Und vergleicht er manche Akustik immer noch mit dieser „mit Samt ausgeschlagenen Telefonzelle“? Semper idem, hätte der Chester gesagt – wer ihn kennt…
Fast muss ich mich zusammenreißen, dass ich der Motette „Wie liegt die Stadt so wüst“, die Rudolf Mauersberger damals auf das im zweiten Weltkrieg zerbombte Dresden komponierte, zuhöre und nicht im wohlig warmen Bad der Erinnerungen versinke. Plötzlich ist alles wieder so präsent und mir wird klar: Auch als Ehemaliger ist und bleibt man – ein Windsbacher…
Hintergrund