Passionsproben ohne Kompromisse

WINDSBACH. „Ich hab’s Euch schon tausend Mal gesagt!“ Würde er nachzählen – es wäre wahrscheinlich noch öfter. In den letzten Zügen der A cappella-Proben für die Johannespassion hat Chorleiter Karl-Friedrich Beringer noch einige Wünsche an seine Windsbacher.
 
Im Gespräch bezeichnete es der Dirigent als größte Herausforderung, im Vergleich mit früheren Passionen „immer noch eins drauf zu legen“. Mit Verlaub: Davon scheint der Windsbacher Knabenchor an diesem Tag noch ein Stück weit entfernt. Zwar werden sich die Sänger spätestens im gemeinsamen Musizieren mit dem Münchner Kammerorchester auf dem gewohnten Niveau einpendeln, aber noch ist der Chorleiter alles andere als zufrieden. Und bricht immer wieder ab.
 
Aber hat er Recht? Der Chor klingt doch – und zwar weitaus besser als die meisten anderen, die Bachs Passionen zur Aufführung bringen: Die Aussprache stimmt soweit, die Intonation eigentlich auch und wenn die Windsbacher einen Choral anstimmen, stellt sich sofort dieses wohlige Gänsehautgefühl ein, das die Kritiker immer wieder bejubeln – bis abgebrochen wird.
 
Ganz so genau wie Beringer hört doch keiner hin, oder? Mag sein. Aber: Der Chor kann mehr. Und auch wenn die Zuhörer in Münsterschwarzach, München, Berlin, Baden-Baden und im Sommer dann im Rheingau begeistert applaudieren werden – während der Chorprobe besteht das Publikum aus nur einem Mann, der gleichzeitig der schärfste Kritiker des Chores ist: Karl-Friedrich Beringer.
 
Hier verschwimmen die Grenzen von objektiver Bewertung und subjektivem Klangempfinden. Kleinste Unreinheiten der Intonation, vereinzelte unsaubere Aussprache – was andere Dirigenten vom Orchester kaschieren lassen oder sich gar nicht daran stören, ist für Beringer eben die Nadel im Heuhaufen: für andere unsichtbar, den Chorleiter aber schmerzhaft pieksend.
 
Vielleicht sieht der ein bisschen zu schwarz, wenn er in der Probe an diesem 31. März prophezeit: „Entweder ich breche jedes Mal ab, oder ich sehe zu, wie der Chor spätestens im April kein A cappella-Konzert mehr singen kann.“ Aber Fehler, die Beringer nicht sofort korrigiert, werden schnell zum Repertoire. Und das kann, darf und will sich der Windsbacher Knabenchor nicht leisten, gilt es doch, seinen Platz an der Weltspitze zu behaupten.
 
Also noch mal von vorn: Am Choral „Dein Will’ g’scheh“ arbeiten Chor und Dirigent hart. Zum Schluss hin sendet Beringer einen der Verse als Stoßgebet Richtung Himmel: „Gib uns Geduld in Leidenszeit.“ Schließlich sang der Chor gerade eher ein „Gibuns Gääduld…“ Und dann reißt eben jener Faden. Warum kann der Alt die Sechzehntel in dieser Phrase nicht singen? „Mensch, schaltet doch mal Euer Hirn ein!“, fleht Beringer und mag sich in diesem Moment wie der griechische Sagenheld Sisyphos vorkommen, der immer und immer wieder den schweren Stein einen Berg hinaufrollt, um ihn kurz vor dem Gipfel aus den Händen zu verlieren.
 
Wobei er manchmal auch liegen bleibt, der Stein: „Aha, jetzt haben sich welche zusammengerissen“, honoriert der Chorleiter Fortschritte im Millimeterbereich, die für ihn allerdings „Tausende von Meilen“ sind: Beringer feilt an feinsten Nuancen, wird nicht müde, den Lagenausgleich zu predigen und immer wieder aufs Neue Aufmerksamkeit und Konzentration einzufordern.
 
„Ihr verwechselt die Intensität des Klangs mit Lautstärke“, geht es in Richtung Bass: „Brüllen kann jeder – nur: Das haltet Ihr im Leben keine zehn Minuten durch.“ An die Knaben gewandt moniert Beringer: „Im Sopran stimmt kein Vokal und der Alt ist entweder zu laut oder gar nicht da.“ Und damit das Quartett komplett ist: „Wo ist die Homogenität im Tenor?“ Kann man es diesem Mann eigentlich nie recht machen, mag sich der unbedarfte Zuhörer einer Probe fragen? Doch: Die Windsbacher können. Und weil Beringer genau das weiß, ist er sauer, wenn diese Leistung nicht erbracht wird.
 
Was auf den ersten Blick wie pedantische Erbsenzählerei, Übertreibung oder musikalischer Spleen aussehen mag, ist jedoch ein beseeltes Arbeiten an der Musik. Und auch wenn man es nach einer spontan angesetzten Pause, in der Beringer Luft holen muss, nachdem er mit dem Satz „Ist die Sauerrahmzeit bei mir überschritten, bin ich nur noch traurig“ seiner Resignation kurz mal Luft gemacht hat: Die Windsbacher werden ihren Dirigenten in den kommenden Konzerten nicht enttäuschen.
 
Und werden so ihrem Publikum wieder eine Passion präsentieren, in der Chor und Dirigent „noch mal eins drauf legen“: Wenn sich im Eingangschor von Bachs Johannespassion ein berauschendes Crescendo aufbaut, die Knaben die Choräle zu wunderbaren Ruhepunkten im dramatischen Passionsgeschehen werden lassen und als aufgepeitschte Menge gehässig die Kreuzigung Jesu einfordern – dann werden sich einmal mehr alle Mühe und die oft nervenaufreibende Arbeit in den Chorproben gelohnt haben. Manchmal muss man etwas doppelt sagen – und manchmal eben auch tausend Mal…
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