Mit einem tollen Chor im Rücken
NÜRNBERG/ERFURT. Wer sich aus Windsbach verabschiedet, wechselt stets die Position: hinunter vom Chorpodest in den Zuschauerraum, wenn es um den Knabenchor geht. Viele singen in anderen Chören weiter. Und mancher kommt auch zurück nach Windsbach: als Solist – wie der Bariton Peter Schöne.Erst vor kurzem sang er die Bass-Arien in den Aufführungen des Bachschen Weihnachtsoratoriums in Nürnberg und Ansbach. Schon 2008 war Schöne mit den Windsbachern auf Konzertreise in Spanien, wo die Matthäuspassion gesungen wurde. Aufgeregt sei er gewesen: „Dabei musste ich doch nichts beweisen, sondern konnte mich von dem, was früher war, völlig frei machen.“ Allzu sehr wird sich das auf seine Leistung nicht niedergeschlagen haben, sonst hätte Chorleiter Karl-Friedrich Beringer ihn wohl kaum erneut als Solisten eingeladen. Für Peter Schöne haben diese Engagements durchaus etwas Besonderes: „Ich empfinde das als große Ehre, mit diesem Chor, mit dem man früher Erfolge feiern durfte, nun selbst als Solist konzertieren zu dürfen.“ Es sei einfach eine „Riesenfreude, einen so tollen Chor hinter sich“ zu haben.
Bis zu seinem Platz auf dem Podium war es jedoch ein langer, wenngleich auch abwechslungsreicher und interessanter Weg. Dieser führte Peter Schöne, um im Bilde zu bleiben, über einen bestimmten Steg – den Steg der Violine. Denn sie spielte anfangs in der musikalischen Vita des Sängers die erste Geige: Seit dem fünften Lebensjahr erlernte Peter Schöne das Instrument und beherrschte die Violine zwischenzeitlich so gut, dass er neben dem Singen im Chor im Bayerischen Landesjugendorchester und während seines Studiums am Nürnberger Konservatorium als Konzertmeister im dortigen Klangkörper spielte.
Allerdings empfand Schöne das Geigenstudium in der Frankenmetropole stark solistisch ausgelegt. Er studierte zwar mit Interesse, aber auch mit der Vermutung, nie ein großer Star auf der Violine zu werden: „Wenn Du nicht mit 14 Jahren den ersten Durchbruch schaffst, hat es wenig Sinn, diesen Weg einzuschlagen.“ Und so spürte Peter Schöne Stück für Stück, dass das Leben als Orchestermusiker nicht das seine sein würde. „Außerdem“, bekennt er selbstkritisch, „war ich technisch nicht so gut, dass mir Erfolge einfach in den Schoß gefallen wären.“
Jetzt stand eine Entscheidung an: Weitermachen und nolens volens in einem Opernorchester spielen oder etwas ganz anderes probieren? Beide Pfade erschienen Peter Schöne jeder auf seine Weise steinig und so hielt er es ganz mit dem amerikanischen Dichter Robert Frost, der einst schrieb: „Im Wald zwei Wege boten sich mir dar und ich nahm den, der weniger betreten war. Und das veränderte mein Leben.“
Denn neben dem Geigenspiel hatte Peter Schöne auch nach Windsbach den Gesang gepflegt – zwar nicht in einem anderen Chor, aber gemeinsam mit seinen früheren Mitschülern Elmar Stollberger, Matthias Heubusch und Sebastian Myrus im Gesangsensemble „Four Hire“, in dem von 1994 bis 2004 neben der „Geistlichen Musik aus vier Jahrhunderten“ auch bekannte Stücke der Pop-Musik in ungewöhnlichen Arrangements sowie Uraufführungen der jüngsten Moderne gesungen wurden.
Und nachdem der Bariton parallel zum Geigen- auch das Gesangsstudium aufgenommen hatte, wollte er es wissen – auf eine mutige Art: „Überall dort, wo es Dir gelingt, weiter zu lernen – ganz gleich, ob Geige oder Gesang, denn beides zusammen geht nicht –, stell Dich vor. Und da, wo Du genommen wirst, da machst Du weiter.“ Kurzum: Als Geiger stieß er auf wenig Resonanz, während er als Sänger in Hannover, Köln und Berlin begeistert aufgenommen wurde.
Die Entscheidung fiel auf die Universität der Künste Berlin, wo er Prof. Harald Stamm traf, der damals vor Ort dozierte und an der Hamburger Staatsoper engagiert war. Der Funke sprang sofort über – obwohl sich Peter Schöne damit auf ein Terrain begab, auf das ihn die Chormusik in Windsbach so gar nicht vorbereitet hatte: die Welt der Oper. Er erinnert sich, wie er als Studienanfänger die Oper in Nürnberg erlebte: „Die Art zu singen war nicht mit dem zu vergleichen, wie wir in Windsbach eine Passion oder das Weihnachtsoratorium singen durften.“ Und doch schaffte es Prof. Harald Stamm als Vollblutopernsänger, auch bei Peter Schöne die Lust an diesem Genre zu wecken.Nach vielen Jahren Geige und drei Jahren Gesang beschloss Schöne, dass er – inzwischen 27 Jahre alt – Bühnenpraxis brauchte. Und da er erkannte, dass die Brötchen, die man sich als Liedsänger verdienen kann, zunächst ziemlich klein sind, wandte er sich an eine Agentur, wurde zum Vorsingen geschickt und erhielt sein erstes Engagement am Theater Hagen. Vier Jahre hielt es ihn dort, bevor er 2008 nach Erfurt wechselte. Hier hatte er bereits 2007 mit dem Orfeo von Monteverdi debütiert.
Und während Peter Schöne zwischen Apfelsaftschorle und Milchkaffee vor seinem Auftritt in der Nürnberger Meistersingerhalle von seinen ersten Schritten im Sängerleben erzählt, klingelt sein Handy: Ein norddeutsches Theater fragt an, ob der Erfurter Opernsänger nicht Lust habe, dorthin zu wechseln! „Dieser Anruf war nicht bestellt“, entschuldigt sich Schöne.
Das verleitet zur Frage, was einen eigentlich künstlerisch an einem solch festen Engagement reizt. Gut 50 Opernhäuser existieren in der deutschen Theaterlandschaft, doch in Krisenzeiten haben auch sie als öffentlich-rechtliche Einrichtungen der Bundesländer oder Städte ihre Probleme. Auch wenn man in der Regel derzeit froh ist, einen derartigen „Job“ zu haben, gibt es für Sänger an einem Theater genügend Dinge, die das Leben erschweren: Sparzwänge und strenge Dienstregelungen, nach denen man beispielsweise jede freiberufliche Aktivität außerhalb einer „Bannmeile“ von 50 Kilometern mit dem Theatermanagement absprechen muss, kratzen doch arg am Bild des unbeschwerten und sorgenfreien Sängerdaseins. Denn auch das verlangt acht Stunden Proben am Tag, vier bis sechs Wochen, um sich eine Produktion „draufzuschaffen“ und in jeder Vorstellung genau so gut oder noch besser zu sein als in der Premiere. Denn zum einen müsse man sich klar sein, dass jeder im Publikum viel Geld für seine Karte gezahlt habe und zum anderen wisse man, dass der Steuerzahler jede Vorstellung kräftig mitfinanziert: „Das verpflichtet“, sagt Schöne.
Auch wenn er durch sein Studium für die Agenturen vorerst in der „Schublade Opernbariton“ steckt, hat er doch als Sänger großen Spaß an seiner Arbeit. Denn die öffnet(e) ihm das Tor zu einer wunderbaren Welt. Ob als Lied- oder Arien-Sänger in Konzerten, sein ehrgeiziges Projekt, für die eigene Website www.schubertlied.de nach und nach alle Lieder von Franz Schubert in hoher Qualität einzuspielen und als kostenloses Download ins Netz zu stellen sowie vor allem die Beschäftigung mit neuer Musik sind es, die Schöne immer wieder begeistern. „Ein Stück uraufzuführen ist ein Gefühl, als würdest Du eine Insel betreten, auf der vor Dir noch kein Mensch war“, umschreibt der Sänger sein Verhältnis zur Musik der Gegenwart. Sich hiermit zu beschäftigen ist für Schöne „unheimlich spannend“. Wie alles, was noch auf die Erforschung oder Wiederentdeckung wartet.
Ein solches Projekt ist auch die aktuelle CD-Produktion mit Liedern von Karl-Martin Rheintaler (1822-1896), dessen Oper „Käthchen von Heilbronn“ am Theater in Erfurt kürzlich aufgeführt wurde. Dieser weithin unbekannte Komponist ließ Schöne nicht mehr los, so dass er sich in der Berliner Staatsbibliothek Notenmaterial besorgte und einen Liederabend mit diesem Repertoire gestaltete. Nach der Opernpremiere traf der Sänger den Verantwortlichen eines „Spezialisten-Labels“ für die Produktion von Klassik-CDs. Und da dieser ihn noch vom ARD-Wettbewerb her kannte und vom „unerhörten Material“ genauso begeistert war, kam es zur Kooperation, deren Produkt im Frühjahr 2010 erscheinen soll.
Auch wenn zwischen dem kleinen mittelfränkischen Windsbach und dem Erfurter Theater an die 300 Kilometer liegen, erinnert sich Peter Schöne mit Begeisterung an seine Zeit im Knabenchor, dem er nach eigenen Worten sehr viel verdankt: Grundlegendes zum Chorgesang, die erstrebenswerte Perfektion, das Feilen am Ergebnis, das einen kaum je zufrieden stellt und übrigens auch ganz praktische Dinge wie die genaue Diktion, wobei Peter Schöne lacht, als er erzählt: „Bevor ich bei Fischer-Dieskau Meisterkurse belegt habe, führten meine Zuhörer die gute Aussprache stets auf Windsbach zurück, danach immer auf Fischer-Dieskau…“
Übrigens hat es immer etwas Besonderes, wenn er nach Windsbach kommt und dort eine Probe mit dem „Chef“ erlebt: „Ich lerne wieder, was ich schon vergessen hatte oder worauf ich im Theateralltag weniger achte.“ Die Fähigkeit, Kritik anzunehmen und auch selbstkritisch mit der eigenen Leistung umzugehen, sie immer wieder zu hinterfragen und an sich zu arbeiten – auch das ist ein „Windsbacher Erbe“, von dem Peter Schöne immer wieder aufgerüttelt wird, wenn er zum Proben nach Windsbach kommt – und wofür er ebenfalls sehr dankbar ist.Der Kaffee ist gezahlt, die Stellprobe zu Bachs Weihnachtsoratorium ruft und wie im Fluge sind fast zwei Stunden vergangen. Eine Frage noch im Gehen: Was macht Peter Schöne, der im Privaten leidenschaftlich gerne kocht und Fahrrad fährt, eigentlich, um sich auf seine Auftritte vorzubereiten, vorher ein bisschen zur Ruhe zu kommen? „Du wirst lachen“, sagt er: „Ich stricke!“ Zugegebenermaßen kann man sich den Sänger kaum mit selbstgefertigter Krawatte kaum vorstellen – wohl aber, dass er weder beim Stricken eines Pullovers noch seiner Karriere so schnell den Faden verliert…
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