Das große Ganze stets im Blick

WINDSBACH (8. Dezember 2010). Als Kulturmanager bezeichnet man eine Person, die sich als rechtsgeschäftlicher Vertreter eines Klienten mit dessen organisatorischen und geschäftlichen Belangen befasst, damit dieser sich voll und ganz auf seine Kunst konzentrieren kann. In Windsbach heißt das: Agentur Delf Lammers.
 
Die Karikaturisten in deutschen Zeitungen malen mit ihren spitzen Federn stets ein bestimmtes Bild von dem Manager: Der Mittfünfziger trägt einen Hut, eigentlich immer einen schwarzen Anzug, natürlich auch einen Koffer voller Geld und hat eine dicke Zigarre im Mund, während er mit Schwung am Wirtschaftsrad dreht, dass die Scheine nur so fliegen. Schaut man sich hingegen den Manager des Windsbacher Knabenchores an, so steht der wiederum im krassen Gegensatz zum gängigen Manager-Klischee.
 
Gut gelaunt und auffallend unverkrampft sitzt Delf Lammers am Schreibtisch in seinem Windsbacher Büro. Hier befindet sich sozusagen eine Dependance der Agentur, die Lammers von Nürnberg aus betreibt. Er vermittelt hochkarätige Sänger, wodurch auch der Kontakt zum Windsbacher Knabenchor wieder intensiviert wurde. Denn auch Lammers war ein paar Jahre lang Windsbacher.
 
Diese Geschichte beginnt, als noch der eiserne Vorhang Deutschland in zwei Hälften teilte. Delf Lammers sang auch damals schon im Knabenchor, allerdings „auf der anderen Seite“, im Dresdner Kreuzchor. Dort kursierten damals übrigens wilde Gerüchte: Windsbach würde aktiv die besten Kruzianer abwerben und so zur Republikflucht anstiften – der Lohn: immerhin 50.000,- Mark und ein goldenes Leben im Westen, zumindest in Mittelfranken.
 
Delf Lammers war allerdings eher an der Freiheit interessiert, als er 1986 die Möglichkeit einer Tournee der Kruzianer nach Westdeutschland nutzte, um in Essen in ein Taxi zu springen und zu Verwandten zu fahren. Von dort führte ihn sein Weg nach den üblichen bürokratischen Herausforderungen nach Windsbach: Vorsingen, Vorsprechen in der Schule und schließlich der Eintritt in den Knabenchor – als Männerstimme und für die letzten beiden Jahre seiner Schulzeit. „Und das ohne die angebliche Ablösesumme“, schmunzelt Lammers heute nach gut 24 Jahren.
 
Nach dem Abitur  folgte das Studium an der Musikstudium in München: im Hauptfach Gesang sowie Klavier im Nebenfach und. Doch auch wenn Delf Lammers im Anschluss in prominenten Profi-Chören, darunter die des Bayerischen und Westdeutschen Rundfunks, der Opernchöre München, Zürich und Monte Carlo sowie im Bayreuther Festspielchor mitgesungen hat, interessierte ihn doch zunehmend die Arbeit außerhalb der Bühne.
 
Und da Lammers in der Zwischenzeit fruchtbare Kontakte zu namhaften Sängerinnen, Sängern und Dirigenten knüpfen konnte, entschied er sich zur Gründung der eigenen Agentur, um diese Künstler entsprechend „an den Mann zu bringen“ – oder besser: an Opernhäuser, Orchester und Chöre. Von denen einer der Windsbacher Knabenchor war. Und plötzlich war Delf Lammers „zurück in Windsbach“. Doch wo bei anderen sentimentale Gefühle wach werden, galt das Interesse des Agenten der Profession des Chores. Auf beiden Seiten wusste man die Qualität des anderen zu schätzen, so dass Dirigent Karl-Friedrich Beringer im Herbst 2004 bei Lammers anfragte, ob er für den Windsbacher Knabenchor die Konzertsaison 2004/2005 planen wolle.
 
Lammers wollte und ist seitdem noch sehr viel enger mit seinem ehemaligen Klangkörper verbunden: Beratung bei der Konzertplanung und deren Umsetzung, die Akquise von Konzerten, das Engagieren von Solisten, die Vereinbarung von Kooperationen mit Orchestern wie dem Deutschen Sinfonie-Orchester Berlin (DSO) oder den Bamberger Sinfonikern, die Vertragsverhandlungen mit den Künstlern und CD-Labels wie Sony – all das gehört, stets in enger Absprache mit der Chorleitung, zum Aufgabenspektrum eines Chormanagers.
 
Und das beinhaltet natürlich auch eher abstrakte Bereiche wie die Kalkulation der Plankosten für Orchesterprojekte und Auslandstourneen, das Einreichen von Förderanträgen, die Planung von CD-Aufnahmen und die Koordination der Zusammenarbeit mit der Beauftragten von Patronat und Stiftung des Windsbacher Knabenchores. Ein Fulltime-Job, den Delf Lammers als Freiberufler allerdings in Teilzeit bewältigt – schließlich erwarten auch seine solistischen Klienten die Aufmerksamkeit ihres Agenten.
 
Eine Antriebsfeder für Lammers Engagement ist das besondere Verhältnis zum Windsbacher Knabenchor und seinem Dirigenten Beringer. Noch heute spürt der einstige Kruzianer gegenüber den damals Verantwortlichen in Windsbach Dankbarkeit dafür, dass der Wechsel von drüben nach hüben problemlos vonstatten ging. Dass er als ehemaliger Windsbacher und eben auch einstiger Kruzianer für das mittelfränkische Spitzenensemble arbeitet, ist für Lammers übrigens kein Widerspruch: „Der Windsbacher Knabenchor wurde ja auch von einem ehemaligen Kruzianer, nämlich Hans Thamm, gegründet. Für mich gehören beide Chöre damit in gewisser Weise auch zusammen.“
 
Doch egal für welchen Chor ein Herz schlägt – als Manager muss man vor allem eines sein: überzeugt von „seinem Produkt“. Und das ist Delf Lammers in der Tat: „Es ist wie ein Puzzle aus unterschiedlich großen Teilen, bei dem die Musik natürlich die größte Rolle spielt. Mich beeindruckt neben dem kraftvollen, exakten und transparenten Klang immer wieder die Konzentrationsfähigkeit der Jungs sowie die bedingungslose Hingabe von Karl-Friedrich Beringer und seinen Chorsängern, jedes Konzert zu etwas Besonderem werden zu lassen. Und zwar unabhängig vom äußeren Rahmen. Äußerst professionell!“
 
Was man als Windsbacher lernt, ist mit dem Singen im Chor ganz selbstverständlich auch das Arbeiten im Team. Und das funktioniert innerhalb des Chores wie in dessen Umfeld. Für Lammers und sein Wirken ist dies ebenfalls wichtig – und in seinen Augen auch einzigartig: „Außergewöhnlich ist die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der mit dem Chor unmittelbar beschäftigten Personen. Wir sind ein extrem kleines Team, mit Karl-Friedrich Beringer an der Spitze und unserer Chormutter Ulrike Sauerbier, dem Internatsdirektor Thomas Miederer und meiner Mitarbeiterin Gaby Haupt. Wenn wir uns vergleichbare Ensembles anschauen, werden wir neidisch, wenn wir deren personelle Ressourcen sehen.“
 
Doch Quantität bedingt ja nicht automatisch Qualität: „Ich werde öfters gefragt, wie wir mit so wenig Personal so große Aufgaben bewältigen können.“ Voraussetzung und gleichzeitig Folge dieser inspirierenden Personalknappheit ist für Lammers, dass man sich immer blind aufeinander verlassen können muss, um die interne Arbeit so transparent wie möglich zu gestalten: „Persönliche Profilierungssucht oder Eitelkeiten haben da Gott sei Dank keinen Platz.“
 
Interessant ist, dass Lammers seine guten Noten nicht nur denen gibt, die auch mit Noten arbeiten, sondern alle in und für Windsbach arbeitenden Menschen einbezieht, denn er weiß, dass der Erfolg des Chores auch von externen Faktoren abhängt: „Ohne eine motivierte Mitarbeiterschaft wäre das überhaupt nicht möglich. Allein schon, wie das Gelände von unseren Hausmeistern Herbert Prossel und Heinz Baumgärtner in Schuss gehalten wird, ist aller Ehren wert. Das fällt mir jedes Mal auf, wenn ich über das Gelände laufe: wie schön es hier ist.“
 
Von diesem Campus aus starten die Windsbacher immer wieder zu ihren Konzerten – in kleinen Kirchen und auf den größten Bühnen: „Natürlich entgeht es mittlerweile niemandem mehr, dass die Windsbacher manchmal sogar zwei Mal in einer Saison in der Berliner Philharmonie, im Festspielhaus Baden-Baden, dem Palau de la Musica de Catalana in Barcelona, in der Tonhalle Zürich, dem Concertgebouw Amsterdam, der Alten Oper Frankfurt, den Philharmonien in München und Essen, dem Konzerthaus Dortmund sowie im Shanghai Oriental Arts Center auftreten.“
 
Lammers sieht in den Auftritten an derart hochkarätigen Orten auch ein Stück weit Belohnung für das Engagement Beringers und seiner Sänger: „Das ist ja vielleicht auch pädagogisch wertvoll, wenn die Choristen sehen, dass sich ein Mehr an Arbeit lohnt.“ Außerdem – und da ist der Manager wieder ganz pragmatisch – tue sich der Chor mit solchem Renommee auch leichter, private Förderer für die Arbeit vor Ort zu gewinnen. Nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit der Agentur Delf Lammers sind in den letzten Jahren gemeinsam mit den Konzertveranstaltern, die die Windsbacher als Garant für herausragende Konzerte engagieren, feste Kooperations-Strukturen gewachsen. Keine unwichtige Frage, wenn es darum geht, als Manager den Chor auch zu vermarkten.
 
„Zunächst dürfen wir uns da nichts vormachen und sollten akzeptieren, dass der Veranstaltungs-Sektor ein Markt ist und wir uns dem Wettbewerb stellen müssen. Schließlich sind viele Konzertreihen privatwirtschaftlich organisiert und brauchen Einnahmen, um die Kosten für Chor-, Orchester- und Solistenhonorare zu decken“, sieht Lammers die Arbeit hinter der Musik durchaus realistisch: „Trotzdem merken wir in der täglichen Zusammenarbeit mit unseren Partnern nichts von dem Druck und fühlen uns nicht als Ware. Vielmehr haben wir mit den meisten Veranstaltern ein fast schon freundschaftliches und sehr vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut.“
 
Und bei aller nüchternen Geschäftigkeit im Alltag des Konzertmanagers gibt es einen Moment, in dem alles wieder homogen zusammenklingt: das Arbeiten für die Windsbacher, die Erinnerung an die Zeit von 1986 bis 1988, das gemeinsame Wirken mit allen Mitarbeitern und das Verhältnis zu den Choristen – nicht zuletzt das Wissen um die Qualität, die hier jeden Tag und in jedem Konzert immer neu an den Tag gelegt wird: „Wenn das Konzert begonnen hat und eine Passion, ein Requiem eine Messe oder andere musikalische Literatur erklingt...“
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