Eine harmonische Freundschaft
Ist es ein Zufall, dass das DSO 1946, im gleichen Jahr also wie der Chor gegründet wurde? Damals war es als RIAS-Symphonie-Orchester das sendereigene Ensemble des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“. 1948 übernahm Ferenc Fricsay die Leitung und prägte den besonderen Stil des Klangkörpers, indem er sich vor allem auch der zeitgenössischen Musik widmete. Jahre später, 1971, erhielten die mittlerweile als Radio-Symphonie-Orchester Berlin (RSO) unter Lorin Maazel musizierenden Künstler für dieses Engagement den „Kritikerpreis für Musik“.
Dirigenten wie Riccardo Chaily oder Vladimir Ashkenazy, Kent Nagano oder Ingo Metzmacher traten und treten hier ans Pult. Und manche Verhandlungsrunde um Finanzierung und Fortbestand des Ensembles wurde ausgefochten. 1993 änderte sich der Name erneut in „Deutsches Symphonie-Orchester Berlin“ und die bisherige RSO GmbH wurde zur Rundfunkorchester und -Chöre GmbH erweitert. Intendant heute ist übrigens Gernot Rehrl, der früher als Manager des Windsbacher Knabenchores wirkte. „Einer der weltbesten Chöre sollte auch eine entsprechende Präsenz in den Musikmetropolen der Welt aufweisen“, benennt dieser ein Ziel der Kooperation seiner Klangkörper mit den Windsbachern: „Durch die Zusammenarbeit mit dem DSO in der Berliner Philharmonie ist dies auf der nationalen, aber auch internationalen Bühne gewährleistet.“
1995 gründeten sich aus den Solisten des DSO unter der Federführung von Solotrompeter Joachim Pliquett die Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin. Im Gegensatz zum „Großen“, wo sinfonische und zeitgenössische Musik keine kleine Rolle spielt, konzentriert man sich bei den Kammer-Virtuosen darauf, Alte Musik auf neuen Instrumenten zu präsentieren.
Dass dies durchaus funktioniert, formulierte ein Kritiker mit den Worten: „Die Deutschen Kammervirtuosen Berlin zeigten besonders im transparenten Klangbild von Bachs dritter Orchestersuite […], dass Barockmusik nicht unbedingt auf Original-Instrumenten gespielt werden muss, um sich durchhörbar zu vermitteln.“ Schließlich bekennen sich die Musiker ausdrücklich zu ihren „modernen“ Instrumenten. In ständiger und intensiver gemeinsamer Auseinandersetzung mit dem Notentext entstehen auf diese Weise Interpretationen Alter Musik, die sich am modernen Klangideal orientieren.
Hörbar ist dies auch auf den gemeinsam mit dem Windsbacher Knabenchor eingespielten Tonträgern: Mit den Kammer-Virtuosen hat der Knabenchor 2003 die Matthäuspassion 1781 von Carl-Philipp Emmanuel Bach und drei Jahre zuvor drei Bach-Kantaten (BWV 34, 93 & 100) aufgenommen. Und mit den Bläsersolisten des DSO spielte der Chor jüngst eine hörenswerte CD mit Volksliedern ein. CD-Produktionen gibt es natürlich auch mit dem DSO: Erst jüngst kam bei Sony die gemeinsam produzierte CD mit Mendelssohns „Elias“ auf den Markt. Gute Kritiken erhielt auch das „Deutsche Requiem“ von Brahms. Die Aufführung von Mozarts Requiem und Schuberts As-Dur-Messe in Berlin und Nürnberg wurden ebenfalls herausgebracht.
Aber was war es eigentlich, das diese musikalische Freundschaft begründete, die zwischen den Berliner und Windsbacher Künstlern so fruchtbar gedeiht? Hier gibt Solotrompeter Joachim Pliquett gerne Antwort. Im Gründungsjahr der Kammer-Virtuosen sprang er auf Empfehlung seines Kollegen Hannes Läubin – den Windsbachern nicht erst seit der CD- und Fernsehproduktion des Weihnachtsoratoriums im Jahr 1991 freundschaftlich verbunden – als Solotrompeter während einer Brasilien-Tournee ein. Diese Zusammenarbeit hinterließ sozusagen ihre Spuren, denn drei Jahre später konnte Pliquett als Orchestervorstand des DSO den damaligen Intendanten Elmar Weingarten davon überzeugen, den Knabenchor für eine h-moll-Messe in der Berliner Philharmonie zu engagieren.
Die Kammer-Virtuosen kamen dann Jahr 2000 ins Spiel, als man anlässlich des Bach-Jahres ein gemeinsames Programm – „So viel Bach muss sein“ – gestaltete und außerdem im Rahmen der Ansbacher Bachwoche Kantaten aufführte. „Karl-Friedrich Beringer war von der Qualität und der gemeinsamen Arbeit so angetan, dass er uns spontan für das Weihnachtsoratorium im gleichen Jahr engagierte“, erinnert sich Pliquett an diesen „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“.
„Die Art und Weise, wie der Chor an diese Literatur herangeht, ist einmalig“, sagt der Musiker und spricht damit sicherlich für viele der Orchestermusiker. Er findet es „immer wieder beglückend, wie es klingen und berühren kann, wenn mit größter Sorgfalt, Genauigkeit, Phantasie und Textbezogenheit an die Interpretation heran gegangen wird, wie es in Windsbach der Fall ist“. Ein Lob, das Dirigent Karl-Friedrich Beringer übrigens gerne erwidert: „Über zehn Jahre sind es jetzt her, seit ich erstmals das DSO dirigieren durfte. Der Chor und ich sind überaus glücklich und dankbar, dass wir auch in den kommenden Jahren ein solch renommiertes Orchester als musikalischen Partner an unserer Seite haben.“
Die Atmosphäre in den Proben und Konzerten beschreibt der Chorleiter als „wunderbar, menschlich und freundschaftlich“. Beringer schätzt vor allem die „Qualität dieses Ensembles und das unglaubliche Engagement, das jeder dieser Musiker bei den vielen bisherigen Konzerten gezeigt hat.“ Dass man sich gegenseitig seit vielen Jahren kenne und vor allem schätze, erleichtere Vieles in der Probenarbeit: „Vor allem an Zeit“, unterstreicht der Dirigent. An die Adresse der Kammer-Virtuosen geht ebenfalls ein Wort der Wertschätzung: „Bach oder Händel im ‚authentischen Stil‘ auf modernen Instrumenten zu spielen, ist heute überhaupt kein Problem mehr. Im Gegensatz zur Zeit vor 20 Jahren sind die Orchester in dieser ‚Klasse‘ heute alle erheblich flexibler und technisch einfach besser – wie unsere Freunde von den Kammer-Virtuosen.“
Noch einmal Joachim Pliquett, der zu Weihnachten auch solistisch mit dem Chor auftritt: „Immer, wenn ich die Windsbacher nach einiger Zeit wieder höre, ist es zunächst einmal dieser einmalige, ergreifende, warme, aber auch kraftvolle und zupackende Klang, der mich begeistert. Diese Textverständlichkeit, die Intonation, vor allem aber die lebendige, emotionale aber ebenso kontrollierte Art des Musizierens von Karl-Friedrich Beringer.“
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