Großer Fan in Amt und Würden
ANSBACH. Seit Anfang April ist Christian Schmidt als Regionalbischof der evangelischen Landeskirche Bayerns für Ansbach und Würzburg auch Stiftungsratsvorsitzender des Windsbacher Knabenchores. Im Journal-Gespräch stellte er sich als alter Fan der Windsbacher vor, kennt er diese doch nicht erst seit dem 1. April 2009.
Zuerst einmal das Förmliche: Wie spricht man ihn an? Herr Bischof? Exzellenz? Hochwürden? Christian Schmidt lacht und beschränkt sich gerne auf seinen Nachnamen, wenn es denn, so wie heute, nicht zu förmlich zugehen muss. Und so lernt man einen offenen und gut aufgelegten Menschen kennen, der weiß, dass man nicht abheben darf, will man mit beiden Beinen auf dem Boden stehen.
Blickt man lang genug auf das Organigramm, das die Struktur des Windsbacher Knabenchores mit seinem Studienheim darstellt, wird man es wohl irgendwann verstehen: Auf der einen Seite die Kirchliche Anstalt des öffentlichen Rechts, auf der anderen die Kirchliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Die Anstalt „beherbergt“ Chor und Internat mit der jeweiligen Organisation, die Stiftung kümmert sich um die Gewinnung finanzieller und ideeller Unterstützer der Sänger. Auch hierfür gibt es natürlich eine Organisation: den Stiftungsrat, der den Vorstand der Stiftung beruft und beaufsichtigt. Dieser wiederum ist personenidentisch mit dem Kuratorium der Anstalt.
Klingt kompliziert? Ist es sicherlich auch. Mitten in diesem Gewirr von Kästen und Pfeilen steht das Wort Stiftungsratsvorsitzender. Und das ist: der Herr Schmidt. Viel interessanter als sein administratives Wirken ist allerdings seine Beziehung zum Windsbacher Knabenchor, die sozusagen schon vor seiner Geburt beginnt: Sein Großvater lebte seinerzeit wie einige Onkels im Pfarrwaisenhaus; sein Vater hat es von 1938 bis 1941 sogar geleitet, bis ein Gesetz der Nationalsozialisten einem Pfarrer die Erziehung Jugendlicher verbot. Schmidt selbst ging nach dem Krieg in Windsbach zur Schule, hatte bei Hans Thamm Musikunterricht und lernte natürlich auch Sänger des noch jungen Windsbacher Knabenchores kennen: „Das war schon eine harte Schule damals“, erinnert er sich heute.
Nach dem Theologiestudium in Heidelberg, München, Erlangen und Neuendettelsau ging er als Vikar nach Würzburg und zum Pfarrvikariat nach Garmisch. Von 1976 bis 1979 zog Christian Schmidt wieder nach Windsbach, wo er, wie es damals hieß, als „Studieninspektor für die Oberstufe“ tätig war. Hieran erinnert sich Schmidt gerne, was man an der Dynamik des Gesprächsverlaufs merkt. Seine Rolle als Erzieher verstand Schmidt eher als Freund und Seelsorger: „Streng, ja. Aber man hatte ja durchaus einen pädagogischen Spielraum.“
Noch heute verbinden ihn Freundschaften mit ehemaligen Abiturienten: Mit vieren davon trifft er sich regelmäßig zum Singen in kleinen Konzerten und Gottesdiensten. „Vinocant nennen wir das“, umschreibt er die Notwendigkeit, beim Singen auch auf den Flüssigkeitshaushalt zu achten, grinsend.
In diese Pfarrer z.A.-Zeit fiel auch der Wechsel in der Chorleitung: Auf Hans Thamm folgte Karl-Friedrich Beringer. Christian Schmidt beobachtete das von außen und hatte dabei ein gutes Gefühl: „Da kam ein offensichtlich hoch begabter und genialer Chorleiter, der die Menschen mag. Und das ist ja das zentrale Anliegen der kirchlichen Chorarbeit.“ Mit Beringer sei ein neuer Schwung gekommen: „Die Publicity des Chores wuchs, das Marketing lief an und auch die Reichweite der Auftritte und Reisen wurde immer größer.“
1979 hieß es für Christian Schmidt Abschied nehmen von Windsbach: Er wurde dritter Pfarrer von St. Lorenz in Nürnberg. Aber auch dort begegnete er dem Chor natürlich in regelmäßigen Abständen während der Motette. Und sogleich fällt ihm eine Anekdote ein: „Ich predigte über den Satz „Ich bin das Brot des Lebens“. Und da gibt es doch eine Motette mit dem gleichen Text.“ Mit Beringer sei abgesprochen gewesen, dass der Chor nach der Predigt sozusagen attacca einsetzen sollte: „Aber da kam nix!“ Der Grund war die Macht der Gewohnheit, denn normalerweise hatte der Chor nach der Predigt noch genügend Zeit, sich zu sammeln. „An diesem Tag aber fehlten einige Männerstimmen, die sich die Füße vertreten wollten“, beschreibt Schmidt lachend eine Gewohnheit, die schon der alte Bach während der Predigten pflegte – er allerdings soll derweil nicht selten einen heben gegangen sein…
So zieht sich die Musik des Windsbacher Knabenchores wie eine Melodie durch die berufliche Karriere von Pfarrer Christian Schmidt, dem heutigen Regionalbischof und begleitet ihn mal lauter, mal leiser – aktuell steht wieder ein „Crescendo“ in der Partitur. Sein Weg in dieses Amt führte den Pfarrer über Stellen als Dekan in Pegnitz und später von Nürnberg-Mitte.
2,7 Millionen Mitglieder hat die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Bayern. Und die leben in sechs Kirchenkreisen, denen jeweils ein Regionalbischof vorsteht. Im Rang eines Oberkirchenrates füllt Schmidt also die klassischen bischöflichen Aufgaben aus: Ordination, Visitation, Examination. Er hat die Dienstaufsicht über die Dekanate und repräsentiert die Landeskirche im Kirchenkreis, wobei er auch die ökumenischen Kontakte nach Würzburg, Bamberg und Eichstätt pflegt. Als Regionalbischof ist Christian Schmidt auch Mitglied im Landeskirchenrat, der sich unter der Leitung des Landesbischofs auch um die Kirchenmusik kümmert.
Und die spielt eine große Rolle im Leben von Christian Schmidt – nicht zuletzt durch Windsbach. „Singen erfasst den ganzen Menschen“, sagt der Regionalbischof: „Was wir als Pfarrer sagen, findet sich auch in der Musik.“ Die Kernaussagen der heiligen Schrift seien „einfach da“. Deshalb ist für Schmidt die Musik niemals ein rein ästhetischer Genuss, sondern hat auch eine geistliche Qualität: „Der Protestantismus äußert sich ja sowohl durch das Wort als auch durch die Musik.“
Und ganz richtig verstehe jemand die Musik und ihren Inhalt erst, wenn er sie selber gestalten dürfe, weiß Schmidt, der als Student Gesangsunterricht nahm und später im Bachchor von St. Lorenz sang. Der Regionalbischof ist sich sicher, dass die Kirche um die Bedeutung ihrer Musik weiß und betont daher: „Ein Spitzenchor wie die Windsbacher sind unsere Sache!“ Dabei kennt er auch die Kritik an dieser Kulturförderung, die Gelder lieber in andere Kanäle fließen sehen möchte: „Wir dürfen die Kunst nicht gegen das Soziale aufrechnen“, stellt Schmidt klar, denn „wo die Musik das Herz des Menschen berührt, wird dieser auch gerne etwas von der Großzügigkeit Gottes weitergeben.“ Die Kirche habe sicherlich viele Handlungsfelder, wobei für Schmidt der Gottesdienst und die Musik „die Nummer 1“ sind.
Doch noch mal zurück nach Windsbach, wo der Stiftungsratsvorsitzende „seine Schäfchen“ in besten Händen weiß: „In Windsbach gibt es ein gut geführtes Internat und Erzieher wie Schule wirken zur Bereicherung derer, die dort leben.“ Vielen eröffneten sich hier Möglichkeiten, die sie anderswo nicht hätten: „Und das in einem prägenden Alter! Das hier Erlernte ist ein Riesenschatz.“
Bleibt noch eine letzte Frage, deren Beantwortung eine besonders enge Beziehung zwischen den Windsbachern und Christian Schmidt dokumentieren wird: Was sind die Lieblingsstücke des Herrn Regionalbischof? Der denkt kurz nach und dann leuchten seine Augen: „Die Windsbacher Psalmen von Emanuel Vogt und Helmut Duffe! Immer wenn ich einen Psalm bete oder höre, denke ich sofort daran.“ Und natürlich auch die Choräle einer Bach-Passion: „Wenn die Windsbacher singen, geht das sofort in die Seele. Das kann einen einfach nicht unberührt lassen.“
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