Von Pfarrwaisen und der „Zylinder-Affäre“

WINDSBACH (26. Februar 2013). „Vom Pfarrwaisenhaus zum Sängerinternat“ – mit diesen Worten war das Programm zur 175-Jahrfeier des Evangelisch-Lutherischen Studienheims überschrieben. Zum Festakt in der Stadthalle waren viele gekommen: Ehemalige, Mitarbeiter und natürlich der Chor unter seinem Dirigenten Martin Lehmann, aber auch Prominenz aus Kirche, Politik und Gesellschaft, die damit ihre Wertschätzung gegenüber der Einrichtung ausdrücke.
 
Zahlreiche Ehrengäste durfte Dr. Peter Barrenstein als Vorsitzender des Kuratoriums begrüßen, darunter den Ministerpräsidenten a.D. und ehemaligen Patronatsvorsitzenden Dr. Günther Beckstein, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Regionalbischof und Stiftungsrat Christian Schmitt, Landrat Dr. Jürgen Ludwig und natürlich den früheren Chorleiter Karl-Friedrich Beringer: „Wir feiern ein großes Jubiläum für die Heimat dieses wunderbaren Knabenchors und Ihr Kommen ist ein Zeichen der Verbundenheit.“
 
In seinem Grußwort bekräftigte Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm: „Dies ist kein Termin wie jeder andere und für mich ist es ein großes Privileg, heute hier sein zu dürfen.“ Die Grundlagen für das 175-jährige Jubiläum des Studienheims seien bereits in der Reformation gelegt worden: „Lesen, Schreiben, die Bibel verstehen und auszulegen war das Anliegen einer soliden Bildung.“ Da dies jedoch meist in den Städten geschah, sei die Landbevölkerung hier lange Zeit im Nachteil gewesen. Umso erfreulicher sei da die Gründung des damaligen Pfarrwaisenhauses in Windsbach gewesen, das sich dem reformatorischen Bildungsauftrag verpflichtet hätte. Dass daraus einmal ein „in der bayerischen Landeskirche nicht mehr wegzudenkendes Internat mit Chor und Schule“ würde, habe der Gründer, Dekan Heinrich Brandt, sicherlich nicht gedacht.
 
Kurz und prägnant schnitt der Landesbischof die Diskussionen der jüngeren Vergangenheit um den Gründer des Windsbacher Knabenchors Hans Thamm an: Angesichts eines sich über Jahrzehnte gewandelten Erziehungsideals sei es wichtig, gegenseitig Verständnis entgegenzubringen. Seelische Verletzungen aus jener Zeit müssten offen angesprochen werden können, ohne übereinander den Stab zu brechen: „In diesem Diskussionsprozess darf es keine Sieger und Besiegte geben“, forderte Bedford-Strohm, denn das würde dem Knabenchor heute schaden: „Auch wenn wir in unseren Tagen den Erziehungsstil seiner Zeit kritisch sehen dankt und ehrt die Landeskirche Hans Thamm.“
 
Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer hob die wechselseitige Beziehung zwischen Chor und Internat hervor, denn ohne das eine sei das andere heute wie in der Vergangenheit nicht denkbar. Das Studienheim der Gegenwart sei für seine Bewohner „gestalteter Lebensraum“, in dem gegenseitiges Geben und Nehmen, ein steter Ausgleich zwischen eigenem Wollen und gemeinschaftlichen Zielen gelehrt und gelebt werde. „Heimat auf Zeit“ sei das Internat und schnüre mit seinen verlässlichen Ritualen und den optimalen Rahmenbedingungen für Wohnen, Lernen, Freizeit und natürlich die musikalische Ausbildung im Chor ein qualitativ hochwertiges Paket zeitgemäßer Pädagogik.
 
„Nicht wegzudenken“ ist das Evangelisch-Lutherische Studienheim auch in den Augen des Ltd. OStD Joachim Leisgang als Ministerialbeauftragter für die bayerischen Gymnasien, der auch die Grüße des bayerischen Staatsministers für Unterricht und Kultus, Dr. Ludwig Spaenle, überbrachte: Die religiöse Ausrichtung, Bildung und Erziehung vor Ort sowie die künstlerischen Höchstleistungen auf den Bühnen der Welt ergeben für Leisgang einen stimmungsvollen Akkord, wobei in seinen Augen auch die Dirigenten des Knabenchores stets „Lehrer und Erzieher sowie Prediger mit den Mitteln der Musik“ sind. Die prägende Wirkung der Arbeit in Windsbach nach innen sowie ihre Strahlkraft nach außen wirke in ihrer doppelten Ausrichtung.
 
Augenzwinkernd äußerste der Windsbacher Bürgermeister Wolfgang Seidel als Hausherr der Stadthalle sein Bedauern über die „geringe Gästezahl“ – verglichen mit der Feierstunde anlässlich der Eröffnung des Evangelischen Pfarrwaisenhauses vor 175 Jahren waren laut Aufzeichnung wohl 50 Geistliche und 2000 Festgäste anwesend. Heute hingegen sei man mit Recht stolz auf den Knabenchor, der den Namen der Stadt in aller Welt bekannt gemacht habe: „Damals hatten sich die Oberen als weitsichtig erwiesen, als sie das Gelände für den Bau des Pfarrwaisenhauses kostenlos zur Verfügung stellten.“ Und heute sei man froh, das Studienheim in seinen Mauern zu beherbergen.
 
Der Höhepunkt des Festakts war zweifelsohne der packende Festvortrag von Dr. Hans Rößler, der unter dem Titel „Von der deutschnationalen Pfarrerschmiede zum Chorinternat der Windsbacher Sängerknaben“ die Jahre 1946 bis 1977 beleuchtete. Als Hinführung blickte er ein wenig weiter in der Vergangenheit zurück, als 1933 begeistert von einer „Jugendkompanie des Wehrkraftvereins“ berichtet wurde, die dann geschlossen in der Hitlerjugend aufging; 1941 fiel das Pfarrwaisenhaus der Schließung aller kirchlichen Bildungseinrichtungen zugrunde, konnte sich auch nicht als staatliche Bildungsstätte für Lehrkräfte über die Kriegsjahre retten, wurde schließlich Lazarett und zuletzt US-Gefangenenlager, bevor es 1946 wieder in einstiger Bestimmung seine Arbeit aufnehmen konnte – wenn auch unter der gleichen Leitung wie vor dem Krieg…
 
Damals herrschten also strenge Sitten, wurden pubertäre Jungenstreiche wie das Einschmeißen eines Fensters in Andachten als Sünde gebrandmarkt und mit Auswendiglernen oder mehrmaligem Abschreiben von Paul Gerhardt-Chorälen in voller Länge [sic!] geahndet. Anstatt die „Stunde Null“ zu nutzen sei man damals vorerst den Weg der Restauration und Tradition gegangen.
 
1946 kam dann auch Hans Thamm als Präfekt nach Windsbach und scharte schon an seinem ersten Arbeitstag musikalische Knaben um sich, um alsbald mit dem Aufbau eines Chores zu beginnen: Es folgten erste Konzerte in der Windsbacher Stadtkirche, in Neuendettelsau und Heilsbronn, 1948 der erste Auftritt bei der Bachwoche Ansbach, später dann Konzerte im In- und bald auch im Ausland; die Nürnberger Motette wurde zur festen Institution. Mit „Leidenschaft ohnegleichen“ habe Thamm die jungen Menschen in der geistlichen Musik unterwiesen, unterstrich der Festredner. 1966 habe der Dirigent anlässlich des 20.Geburtstag des Knabenchores den „Eltern Pfarrwaisenhaus und Landeskirche“ mit den Worten gedankt: „Ein Wunschkind war es wohl nicht – aber sie haben es angenommen und lieben gelernt.“
 
Allerdings sei der Führungsstil Thamms auch seinerzeit nicht unumstritten gewesen, erinnerte Dr. Rößler an das Jahr 1968, als es auch im Studienheim zur Gründung einer Kommune kam, die andere gegen die bestehenden Autoritäten aufzuwiegeln versuchte und die Hausordnung in Frage stellte. Der damalige Direktor Dr. Heribert Gürth, der sich ebenfalls unter den Gästen des Festakts befand, musste zwangsläufig mit seinen Reformansätzen an den „patriarchalisch-autoritären Strukturen“ vor Ort scheitern: Ende 1968 forderte er die Selbstverwaltung der Oberstufenschüler, Arbeitsteilung und Teamwork, eigenverantwortliches Zuarbeiten, qualifizierteres Personal und verließ nach Zuspitzung der Auseinandersetzungen mit Chorleiter Thamm 1969 das Studienheim, nicht ohne bei den Schülern eine Welle der Solidarität hervorgerufen zu haben. Sein Wirken blieb jedoch nicht ohne Folgen und in den weiteren Jahren wurden ebendiese Reformansätze Stück für Stück verwirklicht – bis hin zum heutigen Evangelisch-Lutherischen Studienheim mit seiner modernen pädagogischen und verwaltungstechnischen Struktur.
 
All das und die komplette spannende Geschichte des einstigen Pfarrwaisenhauses seit seiner Eröffnung am 20. September 1837 dokumentiert eine informative wie lesenswerte Festschrift, die neben Rößlers Beitrag „Von der deutschnationalen Pfarrerschmiede zum Chorinternat der Windsbacher Sängerknaben (1913-1977)“, in der auch die „Zylinderaffäre“ aus dem Jahr 1968 zur Sprache kommt, einen Aufsatz von Prof. Dr. Max Liedtke mit dem Titel „Das Windsbacher Pfarrwaisenhaus – Gründungsabsichten und Erziehungsprogramm. Beispiele der Umsetzung und des Wandels aus 175 Jahren“ enthält. Die Wendepunkte in Erziehung und Verwaltung seit Mitte der 1980er Jahre sowie eine kurze Abhandlung über die schwierigen Jahre, als die Erziehungsstile der beiden Chorleiter Hans Thamm und Karl-Friedrich Beringer (durchaus rufschädigend) öffentlich diskutiert wurden, sowie das heutige Leben in Windsbach behandelt ein Artikel von Internatsdirektor Thomas Miederer. Spannend zu lesen ist neben einer Predigt von Regionalbischof Christian Schmidt vom 17.Mai 2012, in der er sich unter dem Motto „Groß ist, was andere groß macht“ der Geschichte und Ideale des Internats annahm vor allem ein Briefwechsel aus dem Jahr 1984, in dem die ehemaligen Windsbacher Dr. Eugen Winter und Dr. Hermann Leupold – der eine Arzt, der andere zuletzt Senatspräsident am Oberlandesgericht Bamberg – über ihre Erinnerungen an die Zeit im Pfarrwaisenhaus korrespondieren; beide waren unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg nach Windsbach gekommen. Ein weiterer Beitrag aus der Feder Thomas Miederers, in dem junge Windsbacher zu Wort kommen, die die „Entscheidung für Windsbach nie bereut“ haben (so der Titel des Aufsatzes), rundet die Festschrift ab.
 
Bei so vielen zu hörenden und zu lesenden Worten sorgten die musikalischen Beiträge des Festaktes für willkommene Auflockerung: Der Knabenchor sang unter der Leitung von Martin Lehmann von Felix Mendelssohn Bartholdy „Singet dem Herrn“, den Männerstimmensatz „The creation“ von Willy Richter sowie von Johann Christian Bach die Motette „Fürchte dich nicht“; ein Ensemble aus Justus Merkel und Joschka Nehls (beide Tenor), Marcel Folz (Violoncello) und Nikolay Jakoviev (Orgel) intonierte von Heinrich Schütz „Eins bitte ich vom Herrn“ sowie von Johann Hermann Schein „Mit Fried und Freud ich fahr‘ dahin“.