„Die Windsbacher. Mehr als Musik.“

WINDSBACH (5. April 2011). Das Motto ist mehr als ein Slogan: Es will vermitteln, dass in Windsbach nicht nur der Chorgesang gepflegt, sondern auch ein fundiertes pädagogisches Konzept verfolgt wird: die Erziehung der Internatsschüler zu sozial kompetenten jungen Menschen. Hierüber sprach die Redaktion mit dem Internatsdirektor, Pfarrer Thomas Miederer.
 
Frage: Wofür stehen Windsbach und das Leben im Internat heute?
 
Thomas Miederer: In Windsbach steht die Musik im Mittelpunkt – der Chor mit seinen Konzerten, die tägliche Probenarbeit, der Instrumentalausbildung. Aber das ist nicht alles: Die Kinder und Jugendlichen leben hier im Internat miteinander, lernen miteinander, reisen miteinander, spielen miteinander. Das sind viele Erlebnis- und Lernfelder. Diese Felder wollen wir pädagogisch so gestalten, dass am Ende mündige, sozial kompetente, selbst- und verantwortungsbewusste junge Menschen hinausgehen. Seit einigen Jahren heißt deshalb unser Motto: „Die Windsbacher. Mehr als Musik.“
 
Frage: Das Studienheim ist eine kirchliche Einrichtung; welche Rolle spielt das im Internatsalltag?
 
Thomas Miederer: Der Sinn christlicher Werte und einer entsprechenden Grundhaltung wird inzwischen wieder deutlicher gesehen als vielleicht noch vor 20 Jahren. Eine Erziehung, die sich an christlichen Werten orientiert, ist einerseits ein Kompass, wenn es um moralische Fragen geht, und gleichzeitig ein Schutz vor der Überforderung. Wir müssen das Leben nicht ganz allein verantworten mit allen Fehlern und Halbheiten.
 
Frage: Wie ist das Erziehungspersonal aufgestellt?
 
Thomas Miederer: Ein Erzieher oder eine Erzieherin betreut bei uns durchschnittlich zehn Kinder. Wir haben Sozialpädagogen, klassische Erzieher und Erzieherinnen, einen Schulpädagogen, zwei junge Mitarbeitende im Berufsanerkennungsjahr und einen Absolventen des freiwilligen sozialen Jahres. Das ist insgesamt eine gute Mischung aus erfahrenen Kräften und solchen, die neue Impulse setzen oder auch manches hinterfragen. Der Erziehungsleiter ist der Fachvorgesetzte der Erzieher und Erzieherinnen, erstellt die Dienstpläne, macht Vertretungen für Kollegen und Kolleginnen, begleitet die Praktikanten und organisiert das Sportangebot.
 
Frage: Internatsschüler entwickeln oft eine größere Selbständigkeit. Ist das auch in Windsbach der Fall?
 
Thomas Miederer: Unsere Schüler sind selbstständig und unselbstständig zugleich. Im Internat wird ihnen vieles abgenommen: Die Wäsche wird gewaschen, die Zimmer werden geputzt, die Choranzüge gereinigt. Wenn sie mit dem Zug heimfahren, organisiert das Sekretariat die Fahrkarten. Morgens, mittags und abends steht das Essen auf dem Tisch. Das ist für viele ihrer Altersgenossen und wahrscheinlich auch für die Geschwister daheim nicht so selbstverständlich. Unsere Schüler lernen deshalb zum Teil erst nach ihrer Internatszeit, sich um diese alltäglichen Dinge selbst zu kümmern. Auf Reisen aber erweisen sie sich als sehr selbstständig. Sie finden sich auch in völlig fremder Umgebung schnell zurecht und trauen sich Dinge zu, vor denen andere in ihrem Alter zurückschrecken. Ich denke immer noch unsere Ankunft in Shanghai, das war vor eineinhalb Jahren: So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie vor allem unsere Größeren Taxen orderten und sich in das Gewühl dieser Millionenstadt stürzten. Ich selber hätte mich das in ihrem Alter noch lange nicht getraut. Oder der 14-jährige, der vor zwei Jahren am Bahnhof Würzburg strandete – sein Geld reichte nicht mehr für die Fahrkarte nach Frankfurt. Der hat sich einfach hingestellt, mit dem Gesangbuch in der Hand, und hat Kirchenlieder gesungen. Nach einer viertel Stunde konnte er das Ticket lösen.
 
Frage: Eine große Rolle im Leben eines Windsbacher Internatsschülers spielt in der Regel der Chor. Inwieweit findet auch hier Erziehung und Persönlichkeitsbildung statt?
 
Thomas Miederer: Jeder muss sich mit seiner Begabung, mit seiner Stimme, in den Dienst der Sache stellen. Einzelkämpfer haben in einem Chor keine Chance. Jeder lernt, mit Erfolg wie auch mit Misserfolg umzugehen. Schließlich ist nicht jedes Konzert gleich gut und auch selber ist man ganz verschieden drauf. Das Singen schafft ein eigenes Körperbewusstsein. Wer hier blockiert ist, wird nie gut singen. Umgekehrt löst das Singen Blockaden. Komplexe musikalische Werke trainieren das Gehirn und verschalten es auf eine ganz spezifische Weise. Die Beschäftigung mit der Musikliteratur verschiedener Epochen schafft ein Bewusstsein für die Einbindung des eigenen Lebens in den Ablauf der Jahre und Jahrhunderte. Um es vielleicht etwas geschwollen auszudrücken: Wer Bach singt, erlebt gleichzeitig Endlichkeit und Ewigkeit. Endlichkeit, weil der Schöpfer dieser Musik längst tot ist – und Ewigkeit, weil seine Musik die Zeit überdauert und der Sänger sich jetzt in ihren Dienst stellt.
 
Frage: Wie ist die schulische Betreuung organisiert?
 
Thomas Miederer: Die Schüler haben bei uns feste Studierzeiten: Zeiten, in denen sie für die Schule lernen müssen. Die erste ist schon morgens um 6.30 Uhr, noch vor dem Frühstück. Da wird Lernstoff für den Tag wiederholt und die Tasche gepackt. Am Nachmittag findet dann die zweite Studierzeit von 14.30  bis 16.15 Uhr statt. Wer noch nicht fertig ist, muss bis kurz vor 17 Uhr weitermachen. Mancher erhält Nachhilfe von älteren Schülern oder auch vom Erzieher, etwa in Mathematik oder Latein. Weil die Sänger doch relativ häufig in der Schule fehlen, haben sie in der Unter- und Mittelstufe zusätzlichen Unterricht in Sprachen, Mathe und Physik.
 
Frage: Welche Möglichkeit haben die Eltern, auf die Erziehung in Windsbach Einfluss zu nehmen?
 
Thomas Miederer: Das Ziel heißt „Erziehungspartnerschaft“. Eltern und Erzieher sowie Erzieherinnen sollen sich möglichst regelmäßig über die Entwicklung eines Kindes austauschen. Wenn das Internat die Eltern nur anruft, weil es s Probleme gibt, ist es ja schon fünf nach Zwölf! Und wenn Eltern sich überhaupt nicht melden und kümmern, steht die Erziehung sozusagen nur auf einem Bein. Alle zwei Jahre wählen Eltern außerdem einen Elternbeirat, der sich regelmäßig trifft und mit der Internatsleitung allgemeine Entwicklungen, Wünsche der Eltern und auch Probleme bespricht.
 
Frage: Wie reagiert die Internatsleitung bei Erziehungsproblemen?
 
Thomas Miederer: Das kommt immer auf den Einzelfall an. Grundsätzlich versuchen wir zunächst, die Probleme dort anzugehen, wo sie entstehen. Das ist im Regelfall die Gruppe. Deshalb spricht zuerst der zuständige Erzieher mit dem Jungen und informiert gegebenenfalls die Eltern. Hilft das nichts, gibt es ein zweites Gespräch mit dem sogenannten Haus-Team – das sind alle im jeweiligen Haus tätigen Erzieher. Die überlegen auch angemessene Reaktionen. Als nächstes werden die Eltern zu einem Round-table-Gespräch gebeten. Es ist immer wichtig, dass alle Beteiligten eingebunden sind. Die letzte Stufe wäre dann der Disziplinarausschuss. Wer dort „eingeladen“ wird, ist schon so ziemlich am Ende der Fahnenstange. Aber das kommt zum Glück nicht allzu häufig vor.
 
Frage: Wenn Eltern Sie fragen würden, warum Sie ihr Kind nach Windsbach geben sollten, was würden Sie ihnen antworten?
 
Thomas Miederer: Windsbach ist für ein musikalische begabtes Kind eine Riesenchance, sein Potential zu entdecken und zu entwickeln. Nicht jedes Kind ist dabei für ein Leben im Internat geeignet – auch nicht jedes musikalische. Der erste Gradmesser ist deshalb: Will das Kind es selbst? Wenn ja, dann sage ich: Probieren Sie es ein Jahr aus. Und entscheiden Sie dann neu.
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