Ehemaligentreffen endet mit fulminantem Konzert

WINDSBACH. Zum vierten (und seinem letzten) Ehemaligentreffen hatte Chorleiter Karl-Friedrich Beringer jetzt nach Windsbach eingeladen. Mit einem gelungenen Konzert zugunsten des Knabenchores in der Ansbacher St. Gumbertus-Kirche endeten Erlebnis- wie arbeitsreiche Tage. Und zwar in Dur!
 
„Endlich!“, konnte man in den Augen dieser Sänger lesen: Sieben Jahre war es her, dass Karl-Friedrich Beringer oder kurz: der „Chef“ zu einem Ehemaligentreffen eingeladen hatte. Viel Wasser war seitdem die Rezat hinuntergeflossen – und dabei nicht nur klares. Doch sie waren alle wieder da: Über 120 Tenöre und Bässe reisten am Abend des Internatsfestes an Christi Himmelfahrt nach Windsbach an. Als Beringer an diesem Abend den Chorsaal zur ersten Probe betrat, war die Wiedersehensfreude spürbar.
 
Und hörbar, denn zum Plausch blieb keine Zeit: Männerpsalmen und Volkslieder wollten einstudiert werden, galt es doch, zwei Tage später in St. Gumbertus zugunsten des Windsbacher Knabenchores ein Benefiz-Konzert zu singen. Für alle fühlte es sich allerdings selbst nach Jahrzehnten so an, als wäre die letzte gemeinsame Probe eben nicht Dekaden her. Oder wie heißt es in Psalm 90, von Emanuel Vogt, der im März dieses Jahres 85 Jahre alt geworden wäre: „Tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern vergangen…“
 
So mancher der heutigen Anwälte, Banker, Ingenieure, Ärzte, Pfarrer oder Lehrer und auch Musiker, ja sogar Sänger erlebte ein anrührendes Déjà-vu: „Nicht nur Ihr habt Euch weiterentwickelt, sondern ich auch“, meinte Beringer zwar. Doch Tenor Oliver Ross kommentierte diese „Feststellung“ nur trocken mit: „Kein Gramm.“ Und die ebenfalls mitwirkenden aktiven Männerstimmen grinsten.
 
Nein, wirklich nicht – der „Alte“ ist der Alte geblieben: „Ihr müsst den Ton inhalieren, nicht rausdrücken.“ Nicht die Lautstärke will Beringer, sondern die Intensität, die Seele: bei einem Chor von rund 150 Stimmen keine leichte Sache. „Der Klang ist schon phänomenal, aber wir müssen doch was hinbringen, von dem die Leute im Konzert sagen: Das gibt’s doch nicht.“
 
Der perfekte Stimmsitz? „Wie eine Glühbirne, die von der Decke hängt und die Kontakt hat.“ Was ist mit der Dynamik, Crescendo und Decrescendo? „Wie eine Garage, aus der ich ausfahre und in die ich dann wieder zurückfahre.“ Ansatz? „Wie ein Stabhochspinger. Oder noch besser: Wie Schilf im Meer!“ Natürlich gebraucht Karl-Friedrich Beringer auch wieder zahlreiche Vergleiche, um das, was er will, zu verdeutlichen. Und auch, wenn eben diese Analogien einen schmunzeln lassen, weiß man doch gleich, worauf der „Chef“ raus will.
 
150 Sänger, der jüngste ist 13, der älteste 75 Jahre alt: „Ein solcher Männerchor, der mit einer solchen Präzision arbeitet, das dürfte weltweit wohl einzigartig sein“, sinniert Beringer. Auch andere Knabenchöre veranstalten wohl Treffen von Ehemaligen und gesungen wird dann natürlich auch. Aber Beringer will mehr. Und die 150 Tenöre und Bässe auch: „Das ist eigentlich noch im Rahmen von sauber“, kommentiert der Dirigent einen Schlussakkord: „Aber für mich ist das schon unsauber.“ Und eine Erkenntnis ist auch noch drin: „Also ich möchte unter mir nicht singen müssen.“
 
Alle anderen Anwesenden aber schon, denn Beringer geizt auch nicht mit Lob: „Schade, dass ihr nie hört, wie schön das klingt, wenn Ihr das richtig singt.“ Die Masse der Männerstimmen ist dabei für ihn kein Hindernis: „Man kann mit 150 viel leichter ein Piano singen als mit fünfen.“ Willkommen ist Beringer an diesen Tagen jeder Einzelne: „Ich freue mich über jeden, der gekommen ist und sagt, er hat in Windsbach auch gute Dinge erlebt.“
 
Damit spricht der Chorleiter die Monate an, in denen ihm vor rund sechs Jahren schwere Vorwürfe über seine angeblich rüden Erziehungsmethoden im Knabenchor gemacht wurden. Davon war zum Ehemaligentreffen im Jahr 2003 noch nichts zu ahnen – im Gegenteil: Frühere Windsbacher, die später ihre Stimme gegen Beringer und den Knabenchor erhoben, waren vor sieben Jahren noch mit Begeisterung dabei…
 
Es ist, als platze ein Knoten, als Beringer sich – erstmalig vor seinen Ehemaligen – zu diesem Themenkomplex äußert. Rechtfertigen braucht er sich nicht – die Vorwürfe gegen ihn erwiesen sich als haltlos. Aber bedanken will er sich, namentlich bei Björn Rodday, der damals rasch reagierte und das Internet nutzte, um den Ehemaligen die Möglichkeit gab, sich mit virtueller Unterschrift und Stellungnahmen hinter ihren einstigen „Chef“ zu stellen. Auch den Gründern und derzeitigen Vorständen von „Monte Soprano e.V.“, des damals gegründeten Vereins ehemaliger Mitglieder des Windsbacher Knabenchores und des Studienheims dankt Beringer, selbst Ehrenmitglied im Verein, für ihre Arbeit.
 
Die gemeinsamen Proben an diesen Tagen waren geprägt von einer angenehmen Melange aus Druck und Entspannung: „Wir wollen ja nicht klingen wie irgendein Männerchor“, schätzte Beringer das Potenzial seiner maskulinen Heerschar ein, die da das Chorgestühl vor ihm besetzt. Und die zeigte sich durchaus sensibel: „Gänsehaut“, beschrieb Ulrich Beigel seine Empfindungen sowohl was das Singen der Stücke als auch das Treffen mit Beringer betraf. Er war nicht der einzige, der so fühlte.
 
Auch nach den Proben erinnerte vieles an früher: Die Männerstimmen freuten sich auf ein kühles Bierchen in der internatseigenen Klause und strömten durstig aus dem Hans-Thamm-Saal. Moment mal: Hans Thamm – war da nicht was? Die Diskussion um die 50er und 60er Jahre im Windsbacher Knabenchor, die wohl nicht immer ein Zuckerschlecken waren, wurden – natürlich – auch an diesem Abend geführt. Aber sie bestimmte ihn nicht: „Man muss das Ganze in der Zeit sehen“, war der Tenor der einstigen Männerstimmen: Das solle nichts entschuldigen und schon gar nicht verharmlosen – aber es erkläre manches.
 
Dass so viele Windsbacher den Weg zu diesem Ehemaligentreffen gefunden haben, sollte für sich sprechen, meinte Heiko Schoppe, selbst Vater von zwei Kindern und Windsbacher von 1982 bis 1991: „Ich freue mich riesig, wieder hier zu sein. Da werden so viele Erinnerungen wach – und zwar wunderschöne…“ Man hörte an diesem Abend nichts Gegenteiliges.
 
Auch nicht von Heinz-Martin Dormann, der bis zu seinem Abitur 1965 unter Hans Thamm gesungen hat. An ihn erinnert sich der pensionierte Pfarrer trotz aller Strenge als einen „einfühlsamen Menschen, der mit uns versucht hat, Kirchenmusik und ihre Aussage so authentisch wie möglich zu vermitteln“. Diese „wunderbare Erfahrung“ habe ihn später inspiriert, diese Art der Verkündigung in der eigenen Kirchengemeinde anzuregen, wofür er von der bayerischen Landeskirche viel Lob erhielt. An seine Windsbacher Zeit und an Thamm habe er nur gute Erinnerungen: „Sonst wäre ich doch nicht hier“, unterstrich der eigens aus Österreich Angereiste.
 
Am nächsten Tag schaute mancher noch etwas müde aus den Noten. Doch mit dem ersten Auftakt war man wieder voll dabei: Wie bei einem alten, aber edlen Instrument schien Beringer nur ein bisschen ölen, ein paar Schrauben justieren zu müssen, um ihm rasch virtuose Länge entlocken zu können: „Ihr seid schon unglaublich – aber das geht noch besser“, feuerte Beringer „seine“ Choristen an.
 
Das nahm sich wohl jeder zu Herzen, denn das Konzert am letzten Abend schenkte nicht nur den Zuhöreren bewegende Momente. Schlussendlich stand Karl-Friedrich Beringer vor seinem Lebenswerk: 150 Männer, jung und alt, die gekommen waren, um mit ihm ein Konzert für den Windsbacher Knabenchor zu singen. Der Applaus am Ende des knapp 90-minütigen Konzerts kam von Herzen – besonders der aus den Reihen der Männerstimmen für ihren „Chef“. Um 5 Uhr des nächsten Tages schloss dann die Klause…
 
Das Programm des Ehemaligenkonzerts am 15. Mai 2010 in St. Gumbertus:
 
Emanuel Vogt: Psalm 19 –„Die Himmel erzählen“
Emanuel Vogt: Psalm 31 – „In deine Hände“
Helmut Duffe: Psalm 84 – „Herr, ich habe lieb die Stätte“
Emanuel Vogt: Psalm 103 – „Lobe den Herrn, meine Seele“
Emanuel Vogt: Psalm 90 – „Tausend Jahre sind vor Dir“
Helmut Duffe: Psalm 102 – „Derr Herr ward gehorsam“
Emanuel Vogt: Jesaja 53 – „Siehe, das ist Gottes Lamm“
Emanuel Vogt: Psalm 40 – „Ich harrete des Herrn“
Helmut Duffe: Psalm 130 – „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“
Emanuel Vogt: Psalm 126 – „Die Erlösten des Herrn“
 
Franz Schubert: Sanctus
 
Fred Schecher: „Im schönsten Wiesengrunde“
Friedrich Silcher: „In einem kühlen Grunde“
Emanuel Vogt: „Rosmarienheide zur Maienzeit blüht“
Emanuel Vogt: „Ich mag nicht mehr mein Federbett“
Friedrich Silcher: „Es war ein König in Thule“
Friedrich Silcher: „Barbarossa“
Karl Franz: „Mondnacht“
Friedrich Silcher: „Nun leb‘ wohl, Du kleine Gasse“
Friedrich Silcher: Am Brunnen vor dem Tore“
Fred Schecher: „Abschied“
 
Richard Wagner: Pilgerchor aus „Tannhäuser“ (Zugabe)
 
Die Bilder sind der Seite von Monte Soprano e.V. entliehen. Vielen Dank hierfür!
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