Die Tausendsassa-in
Stellen wir uns wie der Pauker in der Feuerzangenbowle mal „janz domm“ und fragen: „Watt is’n ‘n Perpetuum mobile?“ Die Antwort: Ein Perpetuum mobile ist eine Konstruktion, die, einmal in Gang gesetzt, ewig in Bewegung bleibt und dabei Arbeit verrichten soll, ohne dass ihr von außen Energie zugeführt wird.
Nun darf man die Windsbacher Chormutter Ulrike Sauerbier natürlich nicht mit einer Maschine gleich setzen, doch wenn man sie in ihrem Element erlebt, fragt man sich doch, wo sie die Energie für ihre Arbeit hernimmt und kommt zu einer überraschenden Antwort: ebenfalls aus ihrer Arbeit mit und für den Windsbacher Knabenchor.
Das Telefon klingelt, Chorleiter Karl-Friedrich Beringer ruft ein Anliegen aus seinem Büro herüber, Manager Delf Lammers braucht eine Information, der Fahrdienst benötigt aktuelle Listen, Gäste müssen zum Mittagessen angemeldet werden, eine Knabenstimme hat Zahnweh, der Bus für die nächste Konzertreise muss noch bestellt und Quartiere wie Verpflegung organisiert werden – meist alles im selben Augenblick. Stress pur, aber: „Die Frau Sauerbier“, wie sie von den Choristen in einer ehrlichen Mischung aus Zuneigung und Respekt genannt wird, kann sich, wie sie betont, keinen schöneren Job vorstellen.
Und so wurde aus einer privaten Hilfestellung schließlich eine Festanstellung beim Bayerischen Missionswerk, wo sie im Jugendreferat und Missionskolleg arbeitete, bis sie sich als Tagungssekretärin „neben“ der Organisation und Begleitung von Kongressen der Betreuung von Stipendiaten widmete: „Sprachunterricht vermitteln, Gästen aus Fernost die Hosen kürzen, Fußkranke zum Doktor fahren“, erinnert sich Sauerbier an die Tätigkeitsfelder, die nicht in ihrem Arbeitsvertrag standen – was der umtriebigen Kraft jedoch egal war: „Ich habe durch diese Arbeit Freunde auf dem ganzen Globus gefunden.“ Und „Ich war eben für alle da – die Arbeit als Sekretärin habe ich halt nachher gemacht.“
Für alle da ist Ulrike Sauerbier auch in Windsbach – vor Ort oder auf Konzertreise. Für die Knabenstimme, die morgens um halb drei im chinesischen Hotel schluchzend vor der Tür steht und vor Heimweh ganz krank ist; tröstende Worte, ein Telefonat mit der Mutter zuhause und Baldriantropfen können den gröbsten Schmerz lindern. Und dann ist da dieser Bär von Männerstimme, dessen Kreislauf schlapp gemacht hat und den Ulrike Sauerbier und Chorarzt Dr. Matthias Lammel hinter der Bühne stabilisieren müssen. Drei Knaben leiden kurz vor der Johannespassion an akuten Bauchschmerzen, eine Grippewelle erfordert eine flächendeckende Verteilung von Hustenbonbons und auch die Lunchpakete auf der Busfahrt nach Berlin wollen verteilt sein.
Dabei arbeitet die Chormutter erst seit 1998 in ihrem heutigen „Job“. Denn vorher galt es, noch „anderswo“ Erfahrungen zu sammeln: 1986 kamen Vertreter der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Papua-Neuguinea ins Missionswerk nach Neuendettelsau und fragten, ob sie sich ihre Arbeit auch in diesem Land vorstellen könnte. Vier Jahre zuvor hatte Ulrike Sauerbier das Land privat bereist und sich hier sofort „zuhause und niemals fremd“ gefühlt.
So fiel ihr die Zusage nicht allzu schwer: Von 1990 bis 1997 war sie „Administrative Secretary of Eastern Highland Evangelical-Lutherian Church of Papua-Newguinea“. Zu ihren Aufgaben gehörte die Finanzverwaltung und die organisatorische Begleitung der kirchlichen Arbeit im Dekanat: Protokolle erstellen, Sitzungen gestalten, den Kontakt mit den Regierungsstellen wie mit den Außenstellen des Dekanats halten, Lebensmittel besorgen – ein bisschen erinnert die Vielfalt der Aufgaben an das heutige Arbeitspensum im Windsbacher Chorbüro…
Gab es. Und gibt es: Nicht nur um dem Klischee einer Sekretärin zu entsprechen kocht Ulrike Sauerbier für die Gäste des Chorbüros – einen übrigens ganz hervorragenden – Kaffee, stellt entsprechende Anfragen bei den Botschaften aller Herren Länder, in die der Chor reisen will, verwaltet die nötigen Papiere oder druckt und hängt die Chorpläne und Besetzungslisten aus. Ihr Arbeitspensum in Stunden will Ulrike Sauerbier gar nicht gedruckt sehen – ein ordentliches Ver.di-Mitglied hätte hier allerdings schon lange die Waffen gestreckt. Einen „Rosengarten“ hat die umtriebige Fränkin hier ohnehin nie erwartet und bekennt frei: „Ich hab’s mir ja selber so gestrickt.“ Just in diesem Moment unterbricht der Windsbacher Hausmeister das Gespräch, um die bestellten Ersatzglühbirnen vorbeizubringen – auch das zählt Ulrike Sauerbier zu ihren Aufgaben.
Doch noch sind wir in Papua-Neuguinea, denn als die Anfrage aus Windsbach kam, hatte Ulrike Sauerbier noch einen „Term“ von drei Jahren vor sich. Zugesagt hatte sie in Franken indes bereits, wenn auch inoffiziell, so dass Dekan Günther Zeilinger, damals oberster Dienstherr in Windsbach, bei einem Besuch 1996 in Papua-Neuguinea verwundert fragte, warum der Chorleiter sie überall schon als neue Chormutter ankündige. Und so lief das ganze in diesem Fall andersherum: Auf die Jobzusage erfolgte in Sauerbiers Wohnung ein offizielles Bewerbungsgespräch mit dem Dekan, nach dessen positivem Verlauf sie die Bewerbungsunterlagen mit allen Zeugnissen nach Deutschland schickte.
Einem Ton, der ahnen lässt, dass die nette „Frau Sauerbier“ dann, wenn es nötig ist, auch richtig resolut auftreten kann. Dabei entsteht eine ausgewogene Mischung aus Abstand und Nähe, wobei „auch der Distanzierteste weiß, wo ich bin, wenn er mich braucht“. Vom ersten Kennenlernen während des Vorsingens über die Zeit als Knaben- und Männerstimme, durch den Stimmbruch bis hin zum Schulabschluss ist Ulrike Sauerbier für ihre Windsbacher da. Wobei die Chormutter keine Ersatzmutter, sondern höchstens Mutter-Ersatz sein will.
Ein Mutter-Ersatz, der sich freilich über freundliche Anrufe ehemaliger Windsbacher genauso freut wie über das ihr geschenkte Vertrauen seitens der Choristen, das für sie mit einem besonderen Erlebnis ein Stück weit gekrönt wurde: 2007 schloss sich der Windsbacher Sänger und Abiturient Christian Bechschmidt der heutigen Hauswirtschaftsleiterin Karin Bischoff und Ulrike Sauerbier auf einer Reise nach Papua-Neuguinea an: „Wenn Dir das nicht zu doof ist, mit einem alten Weib durch die Gegend zu kutschieren“, hatte die Chormutter am Beginn der Reise noch gescherzt: „Wir haben uns die fünf Wochen lang phänomenal vertragen und unheimlich viel erlebt:“
Dabei hat Ulrike Sauerbier gefragt nach dem wirklich schönsten Erlebnis als Chormutter sofort eine Antwort parat: „Jedes Konzert!“ Wirklich jedes – wenn man Schütz, Mendelssohn & Co. eigentlich schon bis zum Gehtnichtmehr gehört hat? „Es sind doch immer wieder unbeschreibliche Konzerte und Du hörst ein Stück jedes Mal anders, je nach eigener Verfassung oder Freuden und Sorgen, die Du grad‘ hast.“ Obwohl, das gibt die Chormutter gerne zu: „So richtig entspannt bin ich während eines Konzerts nie“, gilt es doch Gewehr bei Fuß zu stehen, wenn plötzlich ein Knabe wie ein Stock umfällt. „In Spanien klappten mal reihenweise die Soprane zusammen“, erinnert sich Sauerbier: „Ich musste hinter die Bühne und eigentlich gleichzeitig im Saal sein, um zu schauen, wie es den anderen geht.“Nicht nur zur Entlastung der einen wünscht man sich auch in Windsbach manchmal eine zweite Ulrike Sauerbier, die immer als letzte durch die Passkontrolle geht, der es egal ist, ob sie ihren Koffer für die Brasilien-Tournee oder den Trolley für die Reise nach Bad-Salzuflen packt, die versucht, den Knaben das Zuhause zu ersetzen und den Männern das Abnabeln zu erleichtern, die stets bemüht ist, die Wogen zu glätten und auch im größten Chaos am Telefon noch immer freundlich klingt. Eine, die von sich selber sagt: „Chormutter bin ich jeden Tag die 24 Stunden lang, die mir der liebe Gott schenkt“, und die in ihrer Tätigkeit die Erfüllung eines Lebenstraumes sieht. Doch man kann es drehen und wenden, wie man will: Chormutter Ulrike Sauerbier ist und bleibt ein Unikum.
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