Der „Brunnen vor dem Tore“ steht in Shanghai

FRANKFURT. Pünktlich um 14 Uhr traf der Windsbacher Knabenchor am 28. Juni 2009 am Rhein-Main-Flughafen ein, um sich auf eine besondere Reise zu machen: nach China – Chorleiter Karl-Friedrich Beringer und 51 Knaben sind derzeit auf dem Weg ins Reich der Mitte, um dem fernöstlichen Publikum deutsche Volkslieder zu präsentieren.
 
Natürlich ist ein solcher Aufbruch immer etwas Besonderes und Aufregendes – zumal in ein Land, das der Chor und das den Chor noch nicht kennt. Und in ein Land, das ob seiner Politik nicht immer unumstritten ist. Aber auch in das „Land der aufgehenden Sonne“, von dem man oft nicht viel mehr weiß, als dass man dort gerne süß-sauer isst.
 
Die Windsbacher Knaben sind hingegen gut informiert, denn der Neuendettelsauer Bauunternehmer Wolfgang Högner hat China bereits fünf Mal bereist und informierte den Chor und das Begleitpersonal, das diesmal neben der Stammbesetzung aus Dirigent und der Chormutter Ulrike Sauerbier von Chormanager Delf Lammers, Internatsdirektor Thomas Miederer und Dr. Matthias Lammel als „flying doctor“ komplettiert wird, zuvor über die geschichtlichen und politischen Zusammenhänge des Riesenreiches, in dem immerhin 1,3 Milliarden Menschen leben und das damit die größte Bevölkerungsdichte weltweit hat. Statistisch gesehen singt also ein Windsbacher für etwa 25 Millionen Chinesen…
 
Begleitet wird der Chor vom Bläser-Quartett des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin: Joachim Pliquett und Heinz Radzischewski (Trompete) sowie Thomas Richter und Andras Fejer (Posaune).

Sechs Konzerte stehen auf dem Programm dieser fast zweiwöchigen Konzertreise: Auftrittsorte sind das Shanghai Oriental Art Zentrum, das Guangzhou Xinhai Konzerthaus, die Shenzhen Grand Opera, das Zhongshan Theater, die Wuhan Grand Opera und das Peking Poly Theatre. Gesungen werden hier ausschließlich deutsche Volkslieder. Damit entspricht Karl-Friedrich Beringer zum einen dem Wunsch der chinesischen Gastgeber als auch der Tatsache, dass die geistliche Musik Westeuropas hier wohl kaum Anhänger haben dürfte.

 
Der Chorleiter selbst ist wie seine Sänger gespannt auf die kommenden 13 Tage: „Wir werden wir da wohl aufgenommen – als hochwertiger Knabenchor oder doch vielleicht als Kinder- und Jugendchor? Wir lassen uns überraschen.“ Aus seinen gemischten Gefühlen aufgrund der politischen Lage in China macht der Dirigent keinen Hehl, ist aber auch hier offen für neue Erfahrungen – und natürlich auch neugierig.
 
Chormanager Delf Lammers besuchte China vor 18 Jahren – privat: „Man sagt, wenn man zehn Jahre nicht mehr dort war, erkennt man nichts mehr wieder.“ Thomas Miederer hat ähnliches aus den vorbereitenden Referaten mitgenommen: „In den letzten acht Jahren wurden hier 1.800 neue Hochhäuser hochgezogen – und ein Hochhaus hat mindestens 25 Stockwerke…“ Auf diese „Skyline von Shanghai“ ist auch Chorist Ernst Hauser gespannt.
 
Während sich Michael Weigelt fragt, warum sein Pass die Nummer 64 trägt, wo doch nur 51 Sänger dabei sind: „Wir haben nach Alter, Größe und Schönheit durchnummeriert“, grinst Thomas Miederer, während sich die Schlange am Check in-Schalter der Lufthansa langsam nach vorne schiebt. Ein Koffer nach dem anderen macht sich auf den Weg zum Flug LH728, der den Windsbacher Knabenchor in gut elf Stunden nach Shanghai bringt.
 
„Hast Du das Sammel-Visum?“, ruft Ulrike Sauerbier über die Choristen hinweg und Thomas Miederer schaut alarmierend überrascht – nach kurzem Kramen in allen Taschen kommt die Entwarnung von der Chormutter: „Hier ist’s!“ Auch wenn Delf Lammers eine Brasilien-Tournee für schwieriger zu organisieren hält, liegen hinter der Besatzung des Chorbüros arbeitsreiche Tage, die erst zu Ende sein werden, wenn der Chor am 9. Juni um 18.35 Uhr Ortszeit wieder in Frankfurt gelandet ist. Da verwundert es kaum, wenn man hier mehrfach die gleiche Antwort auf die Frage erhält, worauf man sich denn am meisten freut: „Den Rückflug…“
 
Davor liegen spannende, erlebnisreiche und hoffentlich nicht allzu stressige Tage: Wie werden die Konzerte? Wie wird das Publikum reagieren? Was wird man alles erleben im Reich der Mitte? Wird man ein Stück unserer Kultur überzeugend und gewinnend präsentieren können?
 
Auf dem Plan steht gleich am ersten Abend ein wichtiger Termin. Allerdings kein Konzert: Der Chor ist eingeladen, sich in Shanghai das Spiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen China anzuschauen: Jogis Jungs treffen sozusagen Karlis Knaben. Man wird sehen, ob die deutsche Elf die 102 gedrückten Daumen in ein paar Tore umsetzen kann.
 
Was die Windsbacher sonst noch alles auf ihrer ersten China-Tournee erleben, kann man in den nächsten Tagen an dieser Stelle nachlesen. Der Chorist Maximilian Rüb wird als Korrespondent in regelmäßigen Abständen über die Konzertreise berichten. Nicht nur in der heimischen Redaktion darf man auf diese „Live-Berichterstattung“ gespannt sein…

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