„Als Windsbacher hast Du anderen viel voraus“

Er war erst Alt. Und als er älter wurde Bass. Mittlerweile singt der ehemalige Windsbacher Christian Rathgeber als Tenor – aber längst nicht mehr nur im Chor, sondern als Vokalsolist mit besonderem Schwerpunkt auf den Tenorpartien Alter Musik von Monteverdi bis Bach. Dabei schlug der einstige Knabenchorist die künstlerische Laufbahn erst nach Jahren anderer beruflicher Orientierung ein – eine Zeit, die er jedoch keinesfalls als Umweg bezeichnen würde.
 
Christian war Windsbacher von 1989 bis 1995. Und er ist der älteste von drei Brüdern, die die hiesige Schule durchlaufen haben. Das allein ist eigentlich schon etwas Besonderes; viel interessanter aber ist vielleicht, dass nicht nur Christian, sondern auch Tobias und Felix die musikalische Laufbahn einschlugen und Diplom-Gesang studierten oder noch dabei sind: Tobias singt mittlerweile im festen Opernchor-Engagement und Felix steht kurz vor dem Examen.
 
Die Musik liegt bei den Rathgebers eben in den Genen: Der Vater, heute Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Bayreuth, machte den ältesten Filius seinerzeit durch einen Flyer auf Windsbach aufmerksam – allerdings im über 600 Kilometer entfernten Lüneburg. Wenn man bedenkt, dass es damals noch keinen ICE gab, bedeutete ein Heimfahrwochenende für Christian stets eine kleine Weltreise. Und trotzdem: Als ihn seine Brüder mal in Windsbach besuchten, war schnell klar, dass auch sie irgendwann hierher wollten…
 
Christian kam damals in die fünfte Klasse des Johann Sebastian Bach-Gymnasiums und besuchte es bis zur siebten Klasse. Danach folgte der Wechsel in die Realschule und schließlich der Abschied von Windsbach – 1996 schloss der mittlerweile zum Bass I mutierte ehemalige Altist seine Pennäler-Zeit an einer Offenbacher Realschule ab. War der Weg durch die Schule von einigen Umwegen geprägt, hat Christian nach eigenen Angaben aus Windsbach auf jeden Fall die musikalische Grundausbildung mitgenommen – eine Gabe, die allerdings erst Jahre später richtig zur Geltung kommen sollte.
 
Statt Grundausbildung beim Bund entschied sich Christian 1997 für den Zivildienst und eine einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer. Bis 2002 folgte eine Weiterbildung zum Heilerziehungspfleger in einer Kindergruppe: „Das ist ein offizieller Beruf wie Krankenpfleger – aber eben für Menschen mit einer Behinderung.“
 
Wie kam es zu dieser interessanten Berufswahl? Christian erinnert sich: „Meinen Zivildienst leistete ich in einem Alten- und Pflegeheim in der schwäbischen Provinz, wo man die Menschen damals aber eher wegschloss, was ich damals als sehr belastend empfunden habe.“ Die sehr anstrengende und berufsbezogene Ausbildung erfüllte ihn trotzdem – wie auch das anschließende Jahr als Erzieher in der Nieder-Ramstädter Diakonie in Darmstadt. Dort konnte er sich eine Erfahrung aus Windsbacher Tagen zunutze machen: Hartes Arbeiten erfordert ein hohes Maß an Selbständigkeit wie -disziplin – und die erlernt man hier neben dem Singen fast automatisch.
 
Sieht man ihn heute im Frack Bachs Passionen oder das Weihnachtsoratorium singen, ahnt man nicht, welch bewegte und bewegende Biografie dahinter steckt. Und spätestens hier fragt man sich: Wie kam der frühere Windsbacher also nun zur Musik? Denn die Kritiken, die der junge Tenor heute erntet, kommen nicht vor ungefähr: Die Allgemeine Zeitung Mainz lobte bei einer Aufführung von Händels „Messiah“ im Frankfurter Dom jüngst „britische Noblesse und elegante Klangpräsenz, der es ohne Affekt zu keinem Zeitpunkt an Klangpräsenz“ fehle und eine Kritik der Rheinzeitung bescheinigte ihm anlässlich einer Aufführung von Scarlattis „La Giuditta“ dank „einer völlig unangefochtenen Leistung ohne jedes Forcieren ein grandioses Debüt“.
 
Klassik hin, Klassik her: Nach den Motetten von Bach, Schütz, Bruckner oder Mendelssohn in seiner Windsbacher Zeit war es erst mal eine ganz andere Musik, die Christians Aufmerksamkeit weckte: Von 2003 bis 2005 sang er als Mitglied der A cappella-Boy-Group „Viva Voce“ unter anderem mit Bastian Hupfer, David Lugert, Jörg Fischer, Björn Rodday und Thomas Schimm – allesamt Windsbacher Gewächse – eine „etwas andere“ Chormusik. War das Ganze bis 2003 eher ein Hobby für die smarten Sänger, starteten sie in diesem Jahr durch und entschieden sich dafür, das Singen hauptberuflich zu betreiben.
 
Zwei Jahre führte Christian das Leben zwischen gepackten Koffern und Partituren, bevor er aus privaten Gründen ausstieg und wieder die Schulbank drückte – allerdings als Lehrer für behinderte Menschen, wiederum in der Nieder-Ramstädter Diakonie in Darmstadt. Das Singen begleitete ihn aber auch weiterhin: Er konzertierte mit dem Konzertchor Darmstadt, dem Bachchor Mainz, dem Musical-Ensemble der Stadt Wiesbaden und dem Extrachor der Frankfurter Oper. Bis – ja, bis er seinen Bruder Felix in Rüsselsheim als Solist in einer Aufführung des Mozart-Requiems erlebte und sich sagte: „Das will ich auch!“
 
Musik, also Sologesang als Beruf? Dass er das Zeug dazu haben könnte, bewies Christian vor den gestrengen Ohren der Mainzer Gesangsprofessorin Claudia Eder, die seine Stimme für gut befand. 2007 absolvierte er erfolgreich die Aufnahmeprüfung und studiert seitdem an der Mainzer Hochschule für Musik bei Prof. Andreas Karasiak.
 
„Nach dem vierten Semester durfte ich bereits Bachs Weihnachtsoratorium singen“, ist Christian noch immer erstaunt, wie er mit seiner Stimme die Menschen erreichen kann. Als wichtigen Pflasterstein auf dem Weg zu diesem Erfolg sieht er zweifelsohne seine Zeit in Windsbach: „Das breite musikalische Spektrum, Begegnungen mit der Alten Musik und da vor allem Bach – das alles lernt man hier wie selbstverständlich kennen und hat anderen Kindern in dem Alter damit unheimlich viel voraus.“
 
Neben dem „Hören-Lernen“, der Selbständigkeit und natürlich den Reisen des Chores nennt Christian aber noch einen für ihn viel wichtigeren Erfahrungsschatz, den er in seiner Windsbacher Zeit gesammelt hat: „Das Kennenlernen so vieler verschiedener Menschen, die Vielfältigkeit der Mitsänger und vor allem feste Freundschaften, die die Zeit in Windsbach überdauern.“ So war Christian Trauzeuge seines Mitschülers Björn Rodday.
 
Die sängerische Karriere Christians schreitet indes mit großen Schritten voran und seine Vita kann bereits auf zahlreiche konzertante Verpflichtungen verweisen: So ist er seit der Spielzeit 2009/2010 als festes Mitglied des „Jungen Ensembles“ am Staatstheater in Mainz zu hören – unter anderem in der Titelrolle von Purcells „Dido und Aeneas“ und aktuell in der gefeierten Inszenierung des Oratoriums „Cain overo il primo omicidio“ von Alessandro Scarlatti.
 
Glaubt man also einer Kritik im zweiten Radioprogramm des Hessischen Rundfunks, so gibt es mit dem ehemaligen Windsbacher Christian Rathgeber „eine sehr angenehme, frische Stimme am hessischen Tenorhimmel.“ Und irgendwann vielleicht ja auch mal über die Landesgrenzen hinaus? Man darf gespannt sein…