„Musik muss im Innersten berühren“

Die renommierte Sopranistin Juliane Banse gehört aktuell nicht zu den Partnern des Knabenchores, kann aber derzeit wieder in einem Atemzug mit den Windsbachern genannt werden, ist sie doch auf der wieder aufgelegten CD mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms zu hören. Das Journal widmet ihr daher ein Portrait.
 
„Es war die Lerche, nicht die Nachtigall“, heißt es bei Shakespeare. In diesem Fall muss es heißen: „Es war Bach und nicht Brahms“, kam es doch mit der Produktion des Weihnachtsoratoriums für CD und Fernsehen 1991 zu einer ersten Zusammenarbeit zwischen Juliane Banse und dem Windsbacher Knabenchor: „Ich stand damals ganz am Anfang meiner Kariere, war noch im Studium“, erinnert sich Banse: „Die Windsbacher waren mit unter den ersten, die mich professionell engagiert haben. Und das war für mich natürlich sehr spannend und aufregend.“ Aber in diesem ganz speziellen Fall „auch sehr, sehr motivierend, die Jungs dabei zu erleben, wie sie mit Feuereifer dabei sind“.
 
Das war vor fast 20 Jahren. Heute könnte man erneut einen Dichter zitieren: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust.“ Wie Goethes Faust dürfte das nämlich auch Juliane Banse von sich sagen: Die eine Seele gehört der Oper, die andere dem Lied- und Oratorien-Gesang. Das spürt man auch, wenn man die beiden Tondokumente, die sie gemeinsam mit den Windsbachern eingespielt hat, auflegt.
 
Juliane Banse hat natürlich auch Chorerfahrung, sang jahrelang im Schulchor, wo sie auch erste solistische Töne von sich gab, zum Beispiel als Magd in Bachs Johannespassion. Jene Zeit hat sie sehr genossen und gibt heute gerne zu: „Zu diesem Ensemblegefühl und Aufgehobensein in einem Kollektiv sehne ich mich manchmal schon zurück.“ Hier habe sie auch viel Repertoire kennengelernt, das sie später dann in solistischer Position wiedergetroffen habe.
 
„Das Singen im Chor hat natürlich ganz viele positive Aspekte, die einen als Kind wie als Erwachsenen sehr prägen können“, weiß die Sopranistin: „Da ist einerseits natürlich dieses Mannschafts-Denken und -Fühlen: Man ist aufeinander angewiesen, der Beitrag jedes Einzelnen zählt und führt zum Gesamtergebnis. Außerdem lernt man, Rücksichten zu nehmen und sich solidarisch zu verhalten.“ Das andere ist natürlich die musikalische Seite: „Das gemeinsame Erleben von Musik, das Ringen um ein gemeinsames Erlebnis, um starke musikalische Momente im Konzert, die man dann in den Alltag hineinträgt.“
 
Seit der Aufnahme des Brahms-Requiems sind zwar acht Jahre ins Land gegangen, doch weiß Banse noch genau, was sie an diesem Chor und ihrem Dirigenten fasziniert: „Bei Beringer ist es der totale Einsatz im Dienst des Stücks und der Musik. Und beim Chor ist es dieses Dynamik unter den Jungs und der total konzentrierte Einsatz während der Arbeit. Respekt!“ Doch auch ohne Chor ist Juliane Banse natürlich ebenso erfolgreich, was sicherlich auch am Ernst liegt, mit dem sie ihre Karriere anging und fortsetzt.
 
Der Berufswunsch Sängerin war anfangs übrigens noch gar nicht so recht formuliert. Banse spielte als Kind Geige und tanzte intensiv Ballett, so dass sie fast dem strengen Rat ihrer späteren Gesangslehrerin Brigitte Fassbaender gefolgt wäre, denn jedem Aspiranten sagt diese wissend um den hohen Anspruch, den das Leben als Gesangssolist an einen stellt: „Wenn Du noch irgendwas anderes als Singen in Deinem Leben toll findest, dann mach‘ lieber das.“
 
Wer sich die Arie „Ihr habt nun Traurigkeit“ auf der Brahms-CD der Windsbacher anhört, freut sich, dass Juliane Banse ihren Weg als Sängerin gegangen ist. Und der führte sie schon als 20-jährige an die Komische Oper Berlin, wo sie in einer Inszenierung der Zauberflöte von Harry Kupfer als Pamina debütierte. Ohne Stammhaus war und ist Banse auf allen wichtigen Bühnen zu sehen und zu hören: in Zürich als Schneewittchen in der Uraufführung der gleichnamigen Oper von Heinz Holliger, an der Bayerischen Staatsoper als Ilia in Mozarts „Idomeneo“ unter Kent Nagano oder als Gräfin in „Figaro“ bei den Salzburger Festspielen. Deswegen betont sie auch, wie wichtig ein breites und tiefes Repertoire für sie ist: „Als freiberuflich arbeitende Sängerin wird man oft für das Gleiche angefragt – und irgendwann ist man dann die Pamina vom Dienst.“
 
Davon kann zum Glück keine Rede sein: Einladungen zu wichtigen Musikfestivals und Festspielen nach Stuttgart, Straßburg oder Salzburg füllen Banses Terminkalender ebenso wie Auftritte als Lied- und Kammersängerin mit Konzerten in der Wigmore Hall London oder bei den Dresdner Musikfestspielen. Unter den CD-Aufnahmen mit Juliane Banse stechen neben den beiden Produktionen mit dem Windsbacher Knabenchor vor allem Tonträger mit zeitgenössischer Musik, wie die mit dem Komponisten György Kurtág entstandene Neueinspielung seiner „Kafka-Fragmente“ für Sopranstimme und Violine (András Keller) oder eine Aufnahme von Frank Martins „Maria Triptychon“, hervor.
 
Bei der Erarbeitung moderner Literatur kommt Banse eine besondere Gabe entgegen: Die Sopranistin verfügt über das absolute Gehör, kann also sofort und problemlos einen ihr vorgespielten oder -gesungenen Ton benennen. Außerdem trainiert sie besonders als Sängerin ihr Köpergedächtnis: „Als Sänger weiß man, wie sich ein Ton anfühlt.“ Die Kehrseite der Medaille ist hier natürlich das Musizieren mit tiefer gestimmten historischen Instrumenten. In zeitgenössischen Werken hingegen kann sie die Töne einer Partitur treffsicher singen, statt Intervalle auszurechnen.
 
Neue und Alte Musik spielt Juliane Banse indes nicht gegeneinander aus, wie sie 2009 in einem Gespräch mit der Schweizer Zeitung „Der Bund“ sagte: „Alle Musik ist Teil einer einzigen, großen Musikgeschichte“, die in ihren Augen noch nicht beendet ist: „Ich bin überzeugt, dass man nach der intensiven Beschäftigung mit Neuer Musik auch Mozart und Bach wieder mit geputzten Ohren hört.“ Vielseitigkeit ist also neben der wundervollen Leichtigkeit und Transparenz der Stimme ein weiteres „Markenzeichen“ von Juliane Banse, die stets versucht, zwischen Oper und Lied die Balance zu halten. Wobei für sie ein Liederabend einen großen Vorteil hat: „Man hat es selbst in der Hand und kann, anders als in der Oper, den Abend und seine Spannung selber gestalten.“ Für sie ist es immer eine große Herausforderung, in den der kurzen Zeitspanne eines Liedes Welten zu eröffnen und Geschichten zu erzählen.
 
Bei diesem Erzählen von Geschichten schlägt ihr Herz dann auch bei einer Oper im Gleichtakt mit dem des Regisseurs – wenn dessen Anweisungen für sie sinnvoll sind: „Wenn es also nicht gegen die Musik geht und es etwas zu sagen gibt.“ Allerdings nicht um jeden Preis: Nacktheit auf der Bühne lehnt die attraktive Sopranistin entschieden ab. „Das ist doch eigentlich ein Offenbarungseid – wenn einem gar nichts mehr einfällt…“
 
Banse fällt zweifelsohne mehr ein – als Lied- wie als Opernsängerin: „Musik ist immer dann lebendig, wenn sie mich etwas angeht, wenn die Ausführenden kein Museumsstück vorstellen, sondern es als Teil ihres Lebens und Aussage betrachten.“ Sinn des Berufes als Sänger oder Sängerin müsse sein, die Musik für den Zuhörer erlebbar zu machen: „Sie muss ihn im Innersten berühren, so dass er anders nach Hause geht, als er gekommen ist. Dann lebt die Musik in uns Ausführenden und auch in den Zuhörern.“