Aus vielen Mouse-Clicks wird ein Mozart

BERLIN. Im November 2008 sang der Windsbacher Knabenchor das Mozart-Requiem in der Nürnberger Meistersingerhalle vor ausverkauftem Haus. Zwei Zuhörer spitzten damals besonders die Ohren: Tobias Lehmann und Martin Sauer – sie waren die Tonmeister, die das Konzert mitschnitten. Zwischen der Aufnahme und dem Endprodukt steht jedoch ein dritter, wichtiger Mann: René Möller – wie Lehmann und Sauer ist er Tonmeister der Firma Teldex. Und für die stellt er aus dem Rohmaterial der Aufnahme das fertige Produkt her.

Das heutige Teldex Studio in Berlin war über viele Jahrzehnte Heimat der Aufnahmeteams von Telefunken und später Teldec Classics, die zum Beispiel gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk 1991 eine Komplettaufnahme des Bachschen Weihnachtsoratoriums mit den Windsbachern produzierten. Andere wichtige Partner waren bislang die Akademie für Alte Musik Berlin, der RIAS-Kammerchor, die Berliner Philharmoniker, das Freiburger Barockorchester oder Il Giardino Armonico.
Nach der Umstrukturierung des Warner Music Konzerns und der damit verbundenen Schließung des Labels Teldec Classics International sowie des Berliner Teldec-Studios gründeten Friedemann Engelbrecht, Tobias Lehmann und Martin Sauer im Januar 2002 die Teldex Studio Berlin GmbH. Lauschig liegt es schon, dieses Teldex-Studio im Berliner Stadtteil Lichterfelde. Und man muss es schon ein bisschen suchen, doch dann sieht man es schon aufblinken – „RUHE AUFNAHME“ informiert eine altertümlich anmutende Leuchtschrift. Zu hören ist draußen nichts. Genauso abgeschottet von der akustischen Außenwelt ist der Aufnahmesaal, in dem gerade das Arcanto-Quartett spielt – was, ist auch durch die Scheibe im Regieraum nicht zu hören. Wäre vielleicht mal etwas für „Wetten dass…?“: Ich erkenne ein Streichquartett allein an den Bogenbewegungen der Musiker…
Das Mozart-Requiem hingegen wurde in der Meistersingerhalle Nürnberg aufgenommen. Und das Ergebnis dieser „Session“ liegt nun vor René Möller in Form einer kleinen Festplatte, die in der Jackentasche Platz finden würde. Darauf befinden sich sämtliche Tonspuren, woraus René Möller in Berlin das fertige Produkt wortwörtlich maßschneidert.
Möller kennt die Windsbacher übrigens schon aus Kindertagen, schließlich war er selbst mal Limburger Domsingknabe, wo die fränkischen „Kollegen“ von den Stimmbildnern immer gelobt wurde. Beruflich kam er mit den Franken erstmals in Berührung, als es um die achte Sinfonie von Mahler unter Kent Nagano ging. Die erschien beim Label harmonia mundi: „Zwar waren die mitwirkenden Knaben da nur ein relativ kleines Rädchen, aber ein sehr überzeugendes“, erinnert sich Möller. Mit den Windsbachern hatte er während seines Studiums in Berlin auch das Weihnachtsoratorium gehört – ein Werk, das er eigentlich nicht im Konzertsaal einer Philharmonie hören möchte. Die Windsbacher hätten es allerdings geschafft, die Räumlichkeit bedeutungslos werden zu lassen.
 
Über das DSO und dessen Solotrompeter Joachim Pliquett kam man erneut in Kontakt: Mendelssohns „Elias“ stand auf dem Programm und damit eine, wie Möller heute sagt, „relativ verrückte Sache“: Ein Konzert, eine große Probe zwei Wochen zuvor und eine dreistündige Nachbearbeitung (eine „Patch-Session“, in der noch kleine „Flicken“ aufgenommen werden) – das musste reichen. Und es reichte für eine tolle Aufnahme des Oratoriums.
 
Aber so schön, gut und richtig die Windsbacher auch singen mögen – eine CD dieses Chores setzt natürlich auch die Mitwirkung eines Tonmeisters voraus, der das aufgenommene Material zu einem überzeugenden Ganzen zusammenfügt. Doch was ist eigentlich die Aufgabe eines Tonmeisters wie René Möller? Den „Elias“ nahm er selber auf und mischte das Ganze dann im Studio ab. Bei Mozart war er nicht live dabei. Und doch schuf er am Computer mit zahlreichen Mouse-Clicks eine überzeugende Version des schon so oft aufgenommenen Stückes.
 
„Es gibt Aufnahmen und Aufnahmen“, stellt Möller klar: Die einen, zumeist Live-Mitschnitte, haben eher den Charakter eines Dokuments – mit Husten, Rascheln im Programmheft und allen Intonationsschwankungen oder vielleicht fehlerhaften Absprachen. Die anderen werden für eine CD-Produktion gemacht: „Es ist ein völlig künstliches Produkt“, gibt Möller unumwunden zu: „Das Ergebnis der tonmeisterlichen Arbeit muss und soll nichts mehr mit dem Live-Konzert zu tun haben.“ Dennoch soll dieses Produkt nicht künstlich klingen: „Wer 20,- Euro für eine CD ausgibt, darf zu Recht auch etwas erwarten.“ Der Hörer dieser Aufnahme wolle mitgenommen werden: „Er möchte im Wohnzimmer begeistert sein.“
Hierfür greifen zwei Arbeitsbereiche ineinander: der des Klangs, der Akustik und Technik in Form der Mikrofone und ihrer Platzierung während der Aufnahme sowie der technisch-musikalische, in dem Tonspuren geschnitten und Geräusche entfernt werden. Die Herausforderung liegt in der Harmonisierung dieser Gebiete. Wobei man Begriffe wie verfremden oder künstlich nicht negativ besetzen sollte, denn das Künstliche einer CD-Produktion darf man durchaus mit dem Künstlerischen gleich setzen.
Das Ziel, etwas Ergreifendes zu schaffen, hat René Möller immer vor Augen oder besser gesagt: vor Ohren: „Man kann eine Interpretation nicht durch Schnitte beeinflussen“, weiß er um die Grenzen seiner Zunft: „Das klanglich Fesselnde muss schon vor den Mikrofonen passieren.“ Da finden nach Möllers Ansicht mindestens 80 Prozent einer CD-Produktion statt. Und die Windsbacher lobt er: „Hier wird einem so viel geboten, dass es keine große Mühe macht, ein überzeugendes Ergebnis zu bekommen.“
Im Falle des Mozart-Requiems bildete von der Konzertfassung zwischen 80 und 90 Prozent der Live-Aufnahme die Grundlage, auf der Möller das „Produkt“ aufbaute. Der Rest waren „Stolperstellen“, die es anhand der Ergebnisse der „Patch-Session“ tags darauf zu korrigieren galt. Mit einer speziellen Software ist es möglich, die verschiedenen Spuren zeitgleich aufeinanderzulegen. Und dann sind spitze Ohren und auch gute Augen gefragt, denn die Amplituden der akustischen Signale sind auf den Bildschirmen in Möllers „Büro“ auch optisch wahrnehmbar.
War da nicht eine leichte Inhomogenität zu hören? Und fiel hier nicht eine Einzelstimme auf? Ist der Gesamtklang nicht zusammen? Da war doch ein Absprachefehler! Und hier ist das Orchester zu laut. Sozusagen Takt für Takt gleicht Möller das Gehörte mit den Notizen der aufnehmenden Kollegen ab. Und fertigt daraus ein überzeugendes Ganzes, eben das gewünschte „Ergreifende“.
Anhand der jüngsten Windsbacher-Produktion – einer Aufnahme von Volksliedern – zeigt Möller, wie er arbeitet: „Morgen muss ich fort von hier“, intoniert der Männerchor wunderbar, aber eben noch nicht perfekt genug für die CD. Anders als bei einem Live-Mitschnitt hat der Tonmeister hier sehr viel mehr Material, in diesem Fall 16 Takes mit insgesamt 23 „Puzzleteilen“, aus denen er das fertige Stück zusammen setzt: „Das ist nicht ehrenrührig“, betont Möller noch einmal. Schließlich gehe es gerade bei einer Studioproduktion um Perfektion.
Die jedoch auch vom Künstler, in diesem Fall dem Windsbacher Knabenchor und seinem Dirigenten Karl-Friedrich Beringer geleistet werden muss. Wie sagte René Möller doch gleich: „Das klanglich Fesselnde muss schon vor den Mikrofonen passieren.“ Augenzwinkernd merkt der Tonmeister hier eine (von den Kritikern allerdings gelobte) „Schwierigkeit“ an: „Beringer macht eine Stelle nie gleich.“
Daher ist neben einem guten Gehör und dem technischen Wissen schlicht Entscheidungsfreude gefragt: Was gefällt dem Tonmeister am besten? Und gefällt das Endprodukt wiederum dem Künstler? Im Falle des Mozart-Requiems erhielt Karl-Friedrich Beringer einen, ihn übrigens äußerst überzeugenden, Erstschnitt des Stücks. Sollte es danach noch Wünsche seitens des Künstlers geben, kann immer noch nachgebessert werden, wenn es das „Rohmaterial“ hergibt. Hierfür ist natürlich auch eine solide Vertrauensbasis unabdingbar – die zwischen René Möller, bzw. der Firma Teldex und dem Windsbacher Knabenchor, bzw. Karl-Friederich Beringer auf eine vitale und selbstverständliche Weise besteht. Und das hört man.
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