„Die Stimme soll nicht nur schön klingen“
WINDSBACH. Keine Scheu vor Publikum hatten drei Windsbacher Sänger, die dem Reporter bereitwillig erlaubten, als stummer Gast an ihrer Stimmbildung teilzunehmen. Hier schaffen die Knaben mit ihren Lehrern konzentriert die stimmliche Grundlage für das richtige Singen im Chor.Womit bereits eine Frage beantwortet wäre: Obwohl jeder Windsbacher, egal, ob in der Chorvorbereitung, im Proben- oder Reisechor und sogar während des Stimmbruchs individuelle Stimmbildung erhält, werden hier keine kleinen Carusos herangezüchtet. Der solistische Auftritt vor Ute Büttner, Johanna Klinger oder Edwin Sowisch, den jeder ein Mal wöchentlich zwischen 25 und 45 Minuten lang zu absolvieren hat, dient vor allem dem Singen in der Gemeinschaft.
„Die Stimme soll nicht nur schön klingen“, erklärt Büttner, die seit 20 Jahren die Entwicklung der Sänger begleitet: „Sie muss vor allem für eine Dauerbelastung geschult werden, dass sie durch das Singen im Chor keinen Schaden nimmt.“ Nicht zu Unrecht wurde das Singen in Windsbach schon oft mit dem Hochleistungssport verglichen: Wenn der Laufprofi nicht jeden Tag und – vor allem! – richtig trainiert, wird er sich kaum wundern, wenn Muskeln, Sehnen und Gelenke irgendwann protestieren.
Nichts anderes übt die Stimmbildung in Windsbach auf musikalische Weise: „Hier lernen die Jungs vor allem gesundes Singen.“ Und haben Spaß daran, auch wenn sich „gesundes Singen“ für den Außenstehenden eher wie „gesundes Essen“ anhört, was auch bei Kindern im Windsbacher Alter nicht sofort Begeisterungsstürme entfacht. Aber auch die jungen Sänger wissen um die mitunter harte Arbeit in den Proben und Konzerten, an deren Ende ein hoffentlich umjubelter Auftritt steht. Und daher wollen auch sie natürlich „gesund singen“.
Ein weiteres wichtiges Ziel ist das Hören, denn die Stimme wird so trainiert, dass sie sich in die Homogenität des chorischen Gesamtklangs einfügt. Auch das Sprechen ist wichtig: „Und zwar die deutsche Sprache“, weiß Büttner. Wie werden die verschiedenen Vokale artikuliert? Denn a ist nicht gleich a, genauso wenig wie o gleich o der i gleich i ist.
Und schon kommt der erste Kandidat zur Tür herein: Jens Summersammer ist einer von den „Neuen“ aus der Chorvorbereitung. Es geht los mit Atemübungen – meist verwendet Büttner hierauf fünf Minuten. Erst mal aber: Sängerhaltung, die man in früheren Tagen forsch mit „Bauch rein und Brust raus“ einforderte; Jens soll einatmen und die Luft mit einem S-Laut langsam herauslassen: „Nicht pressen“, bremst Ute Büttner freundlich, aber bestimmt. Jetzt werden die Konsonanten p, t und k gestoßen: „Du musst staunen, den Raum aufbauen“, ermuntert die Stimmbildnerin: „Das klappt ja schon klasse!“
Jetzt geht’s ans Singen. Ute Büttner klappt den Flügeldeckel auf: „So, wie ich mich darauf vorbereite, Klavier zu spielen, musst Du Dich aufs Singen vorbereiten.“ „Suiuiui“, singt die Lehrerein vor – „Soioioi“, echot Jens. Noch mal hingehört, und die Vokale stimmen. „Das klingt zu eng“, hört Büttner und ermuntert: „Wenn Du das hörst, musst Du das auch korrigieren.“
Ein wichtiges Anliegen der Stimmbildung in Windsbach ist die Schärfung der Selbsteinschätzung. „Ma-e-i-o-u“, soll Jens jetzt singen und man merkt, dass er mit dem Ergebnis selbst nicht zufrieden ist. Oft braucht es gar keinen Hinweis der Stimmbildnerin, um den Fehler auszumerzen. Wenn dies klappt, ist ein wichtiges Etappenziel erreicht.Tonleitern werden geträllert, Intervalle intoniert – und immer versucht Büttner, den Knaben zu reizen, sozusagen über den stimmlichen Tellerrand hinauszusingen. „Wo ist denn Dein Lachen hin – Du lachst doch sonst immer?“, fragt Büttner. Und plötzlich scheint der Knoten geplatzt, das Selbstbewusstsein des kleinen Jens binnen dieser 30 Minuten ein Stück zu wachsen.
Der Choral Nr. 5 aus Bachs „Weihnachtsoratorium“ wird aufgeschlagen und Ute Büttner lässt Jens zuerst einmal den Text vorlesen, um das deutliche Artikulieren zu üben. Erst werden Phrasen gesungen, dann eine ganze Choralzeile. Wie beiläufig spielt Büttner die Basslinie dazu. Und auch, wenn Jens jetzt ein bisschen irritiert ist, bekommt er zum Schluss ein dickes Lob: „Hast Dich wacker geschlagen.“
Unbedingte Motivation ist für die Windsbacher Stimmbildung ein wichtiges Werkzeug. Denn nur so erlangt der Knabe die stimmliche und mentale Selbstsicherheit, die das Singen im großen Chor von ihm verlangt: Was tun, wenn der Nachbar verstummt? Wie korrigiert man schnell und nachhaltig seine eigene Intonation? Wie wird geatmet und betont? Wie gestaltet man eine Liedzeile, anstatt sie einfach nur zu singen?
Beim Erklären dieser Fragen benutzt Ute Büttner bewusst das Vokabular von Dirigent Karl-Friedrich Beringer, mit dem sich alle Gesangslehrer über die Fortschritte ihrer Schüler intensiv austauschen. Wenn es die Zeit erlaubt, setzt sich Büttner auch in die Chorprobe, um einzuschätzen, was Beringer in bestimmten Situationen fordert. Hierauf bereitet Sie ihre Knaben- und Männerstimmen dann „ganz nebenbei“ vor. Sie nennt das lachend: „Ich will dem Chef dienen“, und umschreibt damit den Sachverhalt, „unten“ das abrufbar zu festigen, was dann „oben“ im Chor gefordert wird.
Lukas Frosch ist der zweite Schüler von Ute Büttner an diesem Nachmittag. Er ist schon im Probenchor, doch auch bei ihm beginnt die Stimmbildnerin mit Atemübungen: Sängerhaltung! Doch Lukas Muskeln wollen nicht so, wie Ute Büttner es will. Also darf sich der Knabe längs auf den Boden legen und versuchen, einen vor ihm liegenden Bleistift weg zu pusten.
Praktische Beispiele erleichtern es den Sängern, schnell zu begreifen, was ihre Lehrer von ihnen wollen. So kann man in den rund 30 Minuten Stimmbildung viel erreichen. Auch wenn das Erlernte zumindest in jungen Jahren nicht allzu lange im Kurzzeitgedächtnis haften bleibt. Gibt es drei mögliche Antworten auf eine Frage, tasten sich auch die Windsbacher Sänger nicht selten erst mal über die beiden falschen an die richtige heran: „Das hat sich in 20 Jahren nicht geändert“, merkt Büttner lakonisch an. Doch entmutigen lässt sie sich von den Konzentrationsschwächen nicht. Und greift zum Mittel der Bildersprache oder lässt den Knaben eine bestimmte Phrasierung mit der Hand nachfahren.
„Du musst das wie eine Flöte oder Oboe singen“, schlägt Büttner vor. Und tatsächlich bewirkt die Assoziation, dass Lukas mit verändertem Ansatz intoniert. Gespannt und ermunternd nickend hört die Stimmbildnerin zu, bis Lukas leicht zerknirscht abbricht: „Jetzt habe ich was falsch gesungen.“ Doch Büttner kontert: „Egal, Du hast das umgesetzt, was wir in den letzten Minuten erarbeitet haben.“ Und nur das zählt. Selbstkritik zu üben und Fremdkritik nicht nur zu akzeptieren, sondern anzunehmen und umzusetzen ist auch ein wichtiges Ziel, das in der Stimmbildung verfolgt wird.Gesungen werden natürlich nicht nur Übungen. Da jede Stimme individuell aufgebaut wird, gibt es kein bestimmtes Schema, dem Büttner und ihre Kollegen folgen. Mal wird ein Lied erarbeitet, oft ist es auch die Probenchor-Literatur, die auf Büttners Flügel steht. Hier widmet man sich dann vor allem kniffligen Stellen wie komplizierten Koloraturen.
Anhand der Chorstücke ermuntert Büttner ihre Schüler, immer mehr auf ihre eigene Stimme zu vertrauen, sie eigenständig zu führen und dabei die für perfekten Chorgesang nötige Musikalität zu erlernen. Das Singen eines Bogens, das Durchführen einer Phrase bis zum Schluss, die richtige Betonung – durch ständiges „learning by doing“ entwickelt jeder Windsbacher ganz individuell die Fertigkeiten für das Singen in der Gruppe.
Oder eben doch als Solist: Julian Hartmann ist der dritte Sänger, bei dem man heute zuhören darf. Erst wenige Tage zuvor hat er während eines gefeierten Konzerts des Chores in Dresden den Tenor-Solopart in Mendelssohns Psalm 22 „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ gesungen. In der Stimmbildung stehen heute die Arien aus Mozarts „Bastien und Bastienne“ auf der Tagesordnung; in den nächsten Wochen wird Büttner dieses Stück mit ihren Sängern für eine Aufführung mit dem Schulorchester erarbeiten.
Zuvor darf sich aber auch Julian „einatmen“. Bei den Übungen ist die Lehrerin ungleich kritischer, aber genauso motivierend: „Denk‘ nicht – sing!“, fordert sie. Hier fehlt ihr noch „ein bisschen Körper“, aber mittels Bewegung soll Julian ein Gefühl für die entsprechende Phrase bekommen. Zugegeben: So richtig souverän sieht das Ballett, dass der Tenor hier vortanzen muss, nicht aus. Aber Büttner weiß genau, was sie tut – und will: „Da mag man sich vielleicht affig bei vorkommen.“ Doch im nächsten Schritt soll Julian sich während des Singens die Bewegung nur vorstellen. Und es passt!
Auch bei den älteren Männerstimmen ist die Bildersprache mitunter das wirksamste Mittel: „Denk‘ jetzt mal an ein sportliches Langlaufen und dann übernimm‘ das Bild. „Geh‘, Du sagst mir eine Fabel“, leiht Julian Mozarts Bastienne seine Stimme. Als er die „Schätze“ seiner Bastienne besingt, soll er einen Ausfallschritt machen. Und begeistert freut sich der Tenor über ein Empfinden, das eigentlich Ziel einer jeden Stunde Stimmbildung bei Ute Büttner, Johanna Klinger oder Edwin Sowisch ist: „Es wird immer leichter!“
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