„Back to the roots“
Frage: Was ist das für ein Gefühl, als Solist gemeinsam mit dem Windsbacher Knabenchor und Karl-Friedrich Beringer auf der Bühne zu stehen?
Rüdiger Ballhorn: Irre, es ist fast unbeschreiblich, die Situation des gemeinsamen Musizierens mal aus der anderen Position zu erleben. Irgendwie fühlt man auch wieder die gleiche Ehrfrucht, denn man kennt Beringer ja noch von früher – als Chef.
Michael Albert: Das Gefühl, wie es ist in diesem Chor zu sitzen, ist immer noch sehr vertraut. Nach dem Abitur ist der Kontakt ja nie abgerissen. Im Gegenteil: Mit dem Carus Quintett haben wir ja auch viel mit Beringer zusammen musiziert. Das schafft natürlich eine Zusammengehörigkeit. Irgendwie ist alles wie früher.
Frage: Wie kommt es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Chor und Ehemaligen?
Rüdiger Ballhorn: Ich kenne den Manager Delf Lammers ja schon lange, unter anderem vom Singen im Immortal Bach Ensemble. Und irgendwann hatte er mal die tolle Idee, Ehemalige, die die solistische Laufbahn eingeschlagen haben, für ein Konzert der Windsbacher zu verpflichten. Das geschah dann ganz offiziell mit einer Anfrage.
Yosemeh Adjei: Delf legt wirklich sehr großen Wert darauf, dass das eine „saubere“ Sache ist. Vor zwei Jahren habe ich mal einem Festakt für die Sparkasse, bei der die Windsbacher sangen, Trompete gespielt. Und da sprach auch Beringer von dieser Idee – (grinst) ehrlich gesagt, hätte ich nicht geglaubt, dass daraus was wird…
Michael Albert: Obwohl man sich nie aus den Augen verloren hat, war ich über die Anfrage überrascht – und habe mich richtig gefreut!
Frage: Wie sehr hat Euch die Zeit in Windsbach auf Eurem Weg bis heute begleitet? Was konntet Ihr hier an Erfahrungen und Wissen mitnehmen?
Michael Albert: Dass einem hier das analytische Hören beigebracht wurde, ist schon phänomenal. Das A cappella-Singen prägt unheimlich – und so was kann einem keiner nehmen.
Rüdiger Ballhorn: Man wird gefordert und dadurch gefördert…
Michael Albert: … und man lernt, sich zu konzentrieren, …
Yosemeh Adjei: …die Spannung zu halten. Eigentlich wollte ich auf keinen Fall Sänger werden. Aber als ich meine feste und vor allem sichere Stelle als Trompeter innehatte, hat sich das geändert: Seitdem ich singe, ist das Gefühl angekommen zu sein viel, viel größer. Ein Kollege im Orchester konnte das kaum glauben, als ich kündigte und meinte: „Du hast doch nur noch 33 Jahre…!“ Das bestätigte mich natürlich unheimlich – ich könnte so gar nicht Dienst schieben. Jetzt habe ich das Gefühl, auch ein bisschen heimgekommen zu sein.
Rüdiger Ballhorn: Was ich noch mit der Zeit in Windsbach verbinde, sind die positiven Erinnerungen an das gemeinsame Leben im Internat. Natürlich ist es für einen kleinen Jungen auch schwierig, weg von zuhause zu sein. Dieses Heimwehgefühl begleitet mich noch heute. Dennoch war für mich das Internat, aber vor allem das Erleben von Musik im Chor ein großes Stück Heimat.
Frage: Gibt es seine besondere Erinnerung an Eure aktive Zeit?
Rüdiger Ballhorn: Die Lorenzer Motetten waren immer toll – auch, weil meine Eltern oft im Publikum saßen. Einmal durfte ich ein Solo singen, ich glaube es war „Maria durch ein Dornwald ging“. Ich war natürlich aufgeregt und setzte mich in eine der Klavierüberzimmer, um mich vorzubereiten. Und plötzlich kam Beringer rein, setzte sich zu mir ans Klavier und übte mit mir die Stelle. Diese enge Bindung hatte fast schon was von einem Vater-Sohn-Verhältnis und war immer spürbar.
Yosemeh Adjei: Ich kann gar keine einzelne besondere Erinnerung benennen. Immer, wenn ich von der Autobahn Richtung Windsbach abfahre, läuft ein ganzer Film ab. Ich weiß gar nicht – Windsbach war die geilste Zeit meines Lebens. (lacht) Wenn ich das damals schon gewusst hätte, wäre ich immer noch da…
Frage: In diesem Konzert singt Ihr Schubert, Vivaldi und Mozart. Wo liegen ansonsten Eure musikalischen und künstlerischen Schwerpunkte?
Rüdiger Ballhorn: Bach – das komplette Repertoire. Ansonsten singe ich wann immer es geht Alte Musik – am liebsten im Ensemble mit kleinen Besetzungen. Und dann natürlich auch Lieder.
Yosemeh Adjei: Ich höre gerne „50 Cent“, Eminem oder Xavier Naidoo – was ich beruflich mache, ist mein Job. Und da setze ich Schwerpunkte bei Neuer und Alter Musik. Wobei mich bei modernen Kompositionen neben der Musik viel mehr das Szenische, Schauspielerische, die Bühne reizen.
Michael Albert: Bei mir ist es neben dem Solistischen auch der Ensemblegesang. Und die Herausforderungen, die zeitgenössische Musik stellt – das ist wie beim Hochleistungssport: Man denkt, das schafft man nie und dann erarbeitet man sich mit viel Disziplin diese komplizierte Musik und kommt ihr Schritt für Schritt näher. Auch das habe ich in Windsbach gelernt.
Frage: Worauf habt Ihr Euch bei diesem Projekt am meisten gefreut?
Michael Albert: Auf das Nachhause-kommen – back to the roots…
Rüdiger Ballhorn: (grinst) Auf das Singen im Chorsaal…
Yosemeh Adjei: Auf Beringer und seine Art zu musizieren. Er geht diese Stücke nicht intellektuell an, sondern aufrichtig und ehrlich. Das findet man selten.
Frage: Wofür denkt Ihr, steht Windsbach heute – allgemein und für Euch persönlich?
Michael Albert: Wenn man Musik auf derart hohem Niveau machen will, dann geht das nur an einem Ort wie hier. Das ist absolut professionell.
Rüdiger Ballhorn: Für die Kraft, die vom gemeinsamen Musizieren ausgehen kann. Das Singen im Chor kann bei einem jungen Menschen ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl hervorrufen. Das dann auch noch unter Beringer in einem solchen Spitzenensemble erleben zu können, ist einzigartig. Dafür steht für mich Windsbach.
Yosemeh Adjei: Internate haben aktuell einen schweren Stand. Aber hier hat man mit der Musik, die die Choristen gemeinsam mit Beringer machen, etwas wirklich Besonderes. Und deswegen ist Windsbach wichtig.
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